ihnen vom schloss herunter.
Der Graf wendete sich hier plötzlich, und indem er St. Juliens arme, die dieser über die Brust zusammen geschlagen hatte, mit beiden Händen heftig fasste, rief er: St. Julien, ich muss reden, heute noch; mein Herz würde sonst zerspringen; ich könnte das Gefühl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht hindurch ertragen. Nicht wahr, rief er aus, indem ihm die Tränen über die Wangen strömten, es wäre lächerlich, wenn Einer von uns den Andern für feig halten wollte, da wir Beide, jeder für sein Vaterland, aus schmerzlichen Wunden geblutet haben; desshalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts, und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl; hier an derselben Stelle, wo ich Sie beleidigte, bitte ich Ihnen mein Unrecht ab; hier sage ich Ihnen, dass ein wilder Schmerz mich dahin brachte, Sie gern zu verkennen, dass ich einen Zweikampf suchte, um mein Leben darin zu endigen, und hier antworten Sie mir, ob Sie mein Gefühl mit derselben Freimütigkeit erwiedern können.
Bester Graf, sagte St. Julien mit Rührung, Sie sind so erschüttert, dass Ihr Zustand mich besorgt macht, lassen Sie uns vergessen, dass wir uns gegenseitig verkannt haben, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft.
Freundschaft? wiederholte der Graf mild lächelnd; ja, lassen Sie uns Freunde sein, und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens ertragen, die mich beide zu vernichten drohen. Sie müssen es erfahren, fuhr er nach einem kurzen Schweigen, während dessen er sich gesammelt hatte, mässiger fort, was mich bei meiner Ankunft hier auf dem schloss in jene unselige Stimmung versetzt hatte, und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt worden ist, damit Sie mich nicht für einen Toren halten, dessen Zorn eben so wenig, als seine Freundschaft achtung verdienen.
Sie müssen wissen, dass ein grosser teil unseres Adels mit der Armut kämpft, und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater. Von frühester Kindheit an hörte ich es beklagen, dass mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermögen mit Unrecht besitze; es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen, und man behauptete, dass hauptsächlich meine Tante ihn abhielte, sich mit meinem Vater in Unterhandlungen einzulassen. Auf mich machte diess Alles keinen tiefen Eindruck, ausser, dass ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine Tante fasste. Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Not, als aus Neigung; ich lernte früh entbehren, denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen, von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück, einen Bruder hatte ich nicht, und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer Einsamkeit des Herzens.
Endlich lernte ich ein Wesen kennen, in noch beschränkterer Lage, als ich selbst, dessen zarte Schönheit, die wie eine Knospe im Erblühen war, dessen edle Eigenschaften, die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu entwickeln begannen, tausend zarte Bande um mein Herz legten, und ich lernte eine Seligkeit kennen, die ich in diesem armen Leben nie geahnet hätte. Ich erwartete von meinem Vater nichts, aber ich hoffte, dass sein Gut ihm die Mittel zur Existenz gewähren würde, so lange er lebte. Ich war Stabsrittmeister, und es konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen, dass ich eine Eskadron bekommen müsste; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen, in dessen unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las, dass sie, vielleicht ohne es zu wissen, auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute. Der Krieg begann, und ich musste mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen. Bei Eilau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles, was ich an irdischen Besitztümern mein nennen konnte. Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt, dass ich reisen konnte, und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich. Ich kam bei meinem Vater an, den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte, und in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich, dass er völlig zu grund gerichtet war, wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte. Ich war kaum einige Tage bei meinen Eltern, als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt wurde, und in Folge der grossen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen Abschied. Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgeteilt, dass mein Oheim damit umgehe, das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden. Mich erbitterte mehr, als alles Andere, die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater, und ich liess mich bestimmen, die Reise hieher zu unternehmen; ich war hiezu um so lieber bereit, da mich die grösste Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde, alle meine Briefe waren unbeantwortet geblieben, und die heisseste sehnsucht erfüllte mein Herz.
Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen. Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen; ich hoffte selbst Rat von ihrem Vater, vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr Schicksal beruhigt sein; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der heissesten sehnsucht endlich ihre wohnung. Fremde Menschen kamen mir entgegen; ich fragte nach dem Obristen Talheim, ein plumper breiter Mensch fragte: Meinen Sie den vorigen Pächter? Nun ja, das war ja der Obrist Talheim, rief ein Weib aus einem Winkel. Der ist gänzlich hier verarmt, ergänzte nun der widrige Mensch; vorigen Winter wurde er hinaus