ob er noch seiner eignen achtung wert sei, nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in dessen Aufträgen auf Schloss Hohental erschienen war; er konnte durchaus nicht begreifen, was er eigentlich hier wollte, denn Alles, was ihm sein Vater zur Aufgabe gemacht hatte, kam ihm geradezu verächtlich und abgeschmackt vor.
Die Damen hatten sich wegbegeben, um sich festlich zu kleiden, und St. Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurück; der Graf blieb allein und wünschte, das fest möchte vorüber und die gewöhnliche Ordnung des Hauses wieder eingetreten sein, da rasselten mehrere Wagen in den Hof, und aus verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie. Der Graf entschuldigte die Damen, dass sie, mit ihrer Kleidung beschäftigt, die Frau und Töchter des Predigers noch nicht empfangen könnten. Ich bin eigentlich etwas früher gekommen, sagte der Geistliche, weil ich, noch ehe die Gesellschaft kommt, etwas mit Ihnen zu sprechen wünsche. Der Graf führte den Prediger in sein Kabinet, und die Familie desselben blieb für's Erste sich selbst überlassen in dem Gesellschaftszimmer, wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirten liess.
Wissen Sie, redete der Geistliche den Grafen an, als sie allein waren, dass es mit dem Vater Ihres jungen Vetters, der sich hier aufhält, erbärmlich steht. Es war ein Kornhändler heute bei mir, der brachte mir die Nachricht mit. Er ist gänzlich zu grund gerichtet, die Gebäude auf dem Gute sind alle verfallen, sein Viehstand ausgestorben, die Schaafheerden hat er verkauft, und jetzt bedrängt ihn eine Zahlung, die er durchaus nicht leisten kann. In dieser Not hat sich der alte Schurke, der Lorenz, auf dem schloss eingefunden, er erbietet sich die Summe zu schaffen, das Gut für ein Jahr zu pachten, in welcher Zeit ihm Ihr Herr Vetter die vorgestreckte Summe zurückzahlen muss, oder das Gut bleibt für einen sehr niedrigen Preis in den Händen des Darleihers, und, der mir die Nachricht mitteilte, meinte, der Darleiher wäre der Sohn des Alten. Könnte ich nur begreifen, wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen? Der Graf erzählte dem Prediger, auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General Clairmont getrennt habe, und teilte ihm auch die Vermutung mit, die er hegte, dass der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben möchte. Jetzt geht mir ein Licht auf, rief der Prediger, wir sahen den jungen Mann ja selbst, der den General bis zu Ihrem schloss begleitete; jetzt kann ich mir Alles erklären, auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wussten. Aber ist es nicht abscheulich, dass solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im land werden sollen. Das muss man abzuwenden suchen, sagte der Graf, ich werde mit meinem Vetter über den Gegenstand zu sprechen suchen. Es ist nur schwer, fügte er hinzu, den jungen Mann zur Mitteilung zu bewegen.
Ich habe hier einen Brief für ihn, sagte der Pfarrer, derselbe Kornhändler brachte ihn mit; er ist vermutlich von seinem Vater, denn er ist mit dem Hohentalschen Wappen gesiegelt; der wird wohl die traurige geschichte umständlich entalten. Wollen Sie mir diess Schreiben anvertrauen, sagte der Graf, so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben, wir wollen heute dadurch seine Laune nicht verderben, er ist ausserdem nicht in der heitersten Stimmung.
Das kann ich mir bei seiner Lage denken, bemerkte der Geistliche; der Vater zu grund gerichtetet und er selbst verabschiedet, das muss ihn natürlich niederdrücken.
Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun, nach dem saal zurückzukehren, um teil an der Gesellschaft zu nehmen.
XVII
Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, als der Graf und der Prediger den Saal wieder betraten, und es war in der Tat ein angenehmer Anblick, eine blühende, geschmückte Jugend nach langer Trauer wieder zur Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen. Einige durchschwärmten den Garten, aber diess waren nur Wenige, denn die meisten jungen Leute freuten sich hauptsächlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes, und die jungen Damen wollten ihre für den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem Spaziergange im Freien aussetzen.
Endlich wurden für den ältereren teil der Gesellschaft die Spieltische hingesetzt, und die Musik ertönte, um der jüngern Welt den Anfang ihrer Freude zu verkündigen. Die lustigen Klänge der Klarinetten und Hörner schwebten nach dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei, und viele Paare durchflogen mit leichten, von Freude beflügelten Füssen den Saal. St. Julien hatte den scherzenden Wink der Gräfin verstanden, die ihm riet, nicht immer mit derselben Dame zu tanzen; er betrachtete es also wie eine Pflicht der Höflichkeit, auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen, und nur dann erst, wenn er diess wie ein Geschäft abgemacht hatte, kehrte er immer mit neuem Entzücken zu Emilien zurück. Der Obrist Talheim hatte für diesen Abend kein Spiel angenommen, er wusste nicht recht, wie sich seine Tochter benehmen würde, die zum ersten Mal in einer so glänzenden Gesellschaft auftrat; er fürchtete mit väterlicher Eitelkeit, dass sie schlecht tanzen würde, da sie keinen andern Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte, als durch Emilie und St. Julien, von denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden. Aber obgleich Terese mit Schüchternheit den Saal betrat, so fand sie sich doch bald zurecht, die Nähe der Gräfin