, wenn einer von uns beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müsste, und meine unbesonnene Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat, so bitte ich Sie dieser Rede wegen um Verzeihung, hier unter vier Augen, setzte er nachdrücklich hinzu; und wenn Sie mit dieser Genugtuung zufrieden sind, so gewähren Sie eben so einsam die Verzeihung, wie Sie die Beleidigung empfingen.
Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden, sagte St. Julien, und aus freiem Antriebe sage ich Ihnen noch, dass ich selbst es betreiben werde, so bald als möglich ein Haus verlassen zu können, an welches sich die schönsten Empfindungen meiner Seele knüpfen, das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewähren darf, weil man bei meinem hiesigen Aufentalte mir Pläne unterlegt, die nur ein Ehrloser hegen könnte. Er verbeugte sich gegen den Grafen, und beide junge Männer gingen auf verschiedenen Wegen nach dem schloss zurück.
St. Julien fragte sich unterweges oft, ob er recht getan habe, nach einer so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen, und sein Stolz wollte ihm vorspiegeln, dass er sich zu willig zur Vergebung habe finden lassen, aber sein besseres Selbst bekämpfte diese Gedanken, und er war zufrieden mit der Selbstüberwindung, die er seinem väterlichen Freunde zu Liebe geübt hatte. Die baldige Trennung von diesem und von der Gräfin, ach! und von Emilie, die er sich selbst auferlegt hatte, fiel beklemmend auf sein Herz; aber die glückliche Mischung seines Blutes machte, dass er in der Gegenwart leicht die nächste Zukunft vergass, und so heiterte sich sein Auge auf, als Emilie ihm in dem saal entgegen trat und ihn scherzend aufforderte, heute an diesem grossen Tage als ein würdiger Hausgenosse dazu beizutragen, das fest angenehm und lebendig zu machen, welches der Baron Löbau gewiss immer ein Friedensfest nennen würde, so wenig der Graf diess auch wollte. Ein Friedensfest, wiederholte St. Julien lächelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung, die er eben im Garten gehabt hatte.
Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben, sagte die Gräfin, die hinzugetreten war, aber der Baron wird es nicht gelten lassen. Mit inniger Empfindung küsste St. Julien die Hand der Gräfin, indem er ihr seinen Glückwunsch darbrachte, und lobte sich innerlich, dass er einen Streit vermieden hatte, durch den dieser Tag als ein blutiger wäre bezeichnet worden.
Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm; er fragte sich, was er eigentlich damit gewollt habe, dass er St. Julien beleidigte. Sein Vater hatte ihm die notwendigkeit vorgespiegelt, diesen zu entfernen und sich seinem Oheim anzuschliessen, aber die Frage drängte sich ihm auf: welch ein Recht hatte Dein Vater diess zu verlangen, und würdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein, wenn Dich nicht die verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hätte. Und wie schön, sagte er zu selbst, wie schön habe ich die Aufträge des Eigennutzes ausgeführt? Durch mein grösstes, entsetzlichstes Unglück, was mein Vater am Wenigsten verstehen würde, zur äussersten Verzweiflung gebracht, komme ich hier an und soll höfliche Reden wechseln, indess ich selbst mit meinen Händen ein Grab aufwühlen und mich hinein verscharren möchte, um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen. Der Zorn über die verächtliche Rolle, die ich hier übernommen habe, kam hinzu, und ich liess eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit büssen; und wenn ich nun den Franzosen erschossen hätte, sagte er bitter lächelnd, das würde unfehlbar meines Vaters klug angelegte Pläne sehr befördert haben, das würde meinen Oheim, der den jungen Mann liebt, gewiss bestimmt haben, dessen Mörder für seinen Erben zu erklären. Nein, sagte er zu sich selbst, indem er sich heftig die Tränen von den Wangen trocknete, nein, verläumde Du Dich nicht selbst; nein, Du wolltest nicht morden aus Eigennutz, Du suchtest einen Zweikampf, um darin zu fallen, um dem grässlichen Elende des Lebens zu entfliehen, das Du, Tor, doch zu feig bist freiwillig zu verlassen.
Der junge Graf hatte gesucht, auf einem einsamen Spaziergange die nötige Fassung wieder zu gewinnen. Ich muss ja doch, sagte er sich selbst, was mein Herz auch leidet, heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen, morgen will ich darüber nachdenken, was ich eigentlich hier will. Er kehrte also ebenfalls nach dem schloss zurück und fand, dass man mit der Mittagstafel schon auf ihn wartete, denn es war beschlossen worden, heute früher zu speisen als gewöhnlich, um nicht durch die Ankunft der ersten Gäste in Verlegenheit zu geraten.
Der Graf hatte geglaubt, sein Vetter und St. Julien wären einander näher getreten, und er erstaunte also, als er bemerkte, dass ihr Betragen gegeneinander noch förmlicher geworden war. Sie begegneten einander höflicher als früher, aber die Höflichkeit war von so sonderbarer Art, dass jede höfliche Rede, die der Eine an den Andern richtete, mit einer Herausforderung hätte endigen können. Das heutige fest hinderte alle ernsten Mitteilungen, und der Graf nahm sich vor, den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder näher zu treten oder den peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukürzen.
Die Mittagstafel war aufgehoben. Der junge Graf entfernte sich, um noch einen einsamen Spaziergang zu machen und in der natur Trost für sein zerrissenes Herz zu suchen. Er fühlte sich aus tausend Gründen unglücklich, aber was ihm den letzten Trost und alle Haltung raubte, er musste sich fragen,