Dorf gehörte auch zu unserer Kirche, und mein Vater hatte eine reiche Einnahme. Die Bauern ehrten ihn als einen Mann, der beinah gelehrter war als der Prediger selber; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater, und Beide waren recht grosse Freunde; selbst, wenn der gnädige Herr auf dem schloss war, so lud er niemals den Prediger zu Tische, ohne auch meinen Vater zu bitten; so ging Alles recht schön und gut; mein Vater unterrichtete mich sorgfältig und sagte oft zu mir: Du, Gustav, musst Alles nachholen, was ich aus Armut habe versäumen müssen, denn Gottlob! ich habe so viel, dass ich Dich auf eine Universität werde schicken können.
So war ich etwa zehn Jahre alt geworden, da starb meine gute Mutter, die schon lange kränklich gewesen war. Sie können wohl denken, dass ich sie herzlich und lange beweinte; auch mein Vater trauerte tief über ihren Verlust, und wir wären vielleicht noch länger in unserm Kummer versunken geblieben, wenn nicht der Prediger so viel getan hätte, uns zu trösten. Nachdem ein Jahr vergangen war, heiratete mein Vater eine Verwandte des Predigers, und ich war am Hochzeitstage recht betrübt; denn manche alte Bäuerinnen hatten mir gesagt: Nun, Musje Gustav, nun werden Seine guten Tage vorbei sein, nun kommt eine Stiefmutter ins Haus, nun wird Alles anders gehen. Aber es war nicht so; meine Stiefmutter war so gut, ach! so gut, wie es nur immer eine wahre Mutter sein kann. Es wurde freilich Manches anders bei uns im haus, aber viel besser. Meine verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kränklichkeit nicht mehr recht für Alles sorgen können; nach ihrem tod hatte mein Vater sich aus Betrübniss um das Hauswesen gar nicht bekümmert, und so lebte nun Alles wieder bei uns auf; wir hatten feinere Wäsche, bessere Kleider, unser Haus wurde aufgepuzt, im Garten prangten die schönsten Blumen; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste, so bewirteten wir ihn eben so anständig, wie er uns. Seine Söhne waren meine Freunde und Spielkameraden; mein Vater war mit meinem Fleiss zufrieden, und ich war recht glücklich bei meinen Eltern.
So ging es fort, bis mir ein Schwesterchen geboren wurde. Nun sagten die bösen Weiber wieder, nun wird es aus sein, nun hat die Stiefmutter selber ein Kind, nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kümmern; aber es war nicht wahr. Ich liebte mein Schwesterchen herzlich; ach! lieber Herr, es war ein Kind wie ein Engelchen, es war eine Belohnung für mich, wenn es die Mutter in meine arme gab, und hätten Sie nur diess Kind gekannt, fuhr der Knabe mit Tränen fort, hätten Sie nur gesehen, wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten, wie lieblich der rote Mund im Lächeln die weissen Zähnchen zeigte! Jeder Mensch musste diess Kind lieben, und doch sprach meine Mutter immer so, als ob es eine besondere Tugend von mir wäre, dass ich mein Schwesterchen so liebte, und die gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafür noch zärtlicher gegen mich.
sehen Sie, so gut, so glücklich war Alles, und so blieb es, bis ich beinah funfzehn Jahre alt war; nun sagte mein Vater: Gustav, nun musst Du nach Königsberg auf die gelehrte Schule, und bist Du da recht fleissig gewesen und hast alles Erforderliche gelernt, dann kannst Du dort gleich die Universität beziehen, und wenn Du brav und fleissig bleibst, so kann ich noch Freude und Ehre in meinem Alter durch Dich erleben.
Sie können wohl denken, dass ich mit Tränen von meinen Eltern schied, aber doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien, als es auf dem land ging. Mein Vater begleitete mich selbst nach Königsberg, und ich sah es wohl, dass er mich recht mit Stolz betrachtete, als man mich nach dem Examen gleich nach Sekunda setzte. So trennten wir uns, und ich blieb nun einsam in Königsberg zurück und dachte mit Eifer zu studiren. Aber ach! das Glück war bald zu Ende; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten, mein liebes Schwesterchen sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden. Der Krieg war ausgebrochen, und mein Vater sagte, dass er uns ganz trennen könnte. Er befahl mir daher, die Reise nach Schönau mit einem Fuhrmanne anzutreten, den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte, dass er eine Reise unternehmen würde, die ihn nahe bei unserem dorf vorbeiführte. Ich gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm dorf, aber wie ganz anders war hier Alles geworden. Die Franzosen waren schon dort gewesen, und hatten Alles geplündert und zerstört, das Dorf war zum grossen Teile abgebrannt, und die Bauern hatten die Häuser verlassen, die noch standen. Meine Mutter fand ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden. Nun kamen die Preussen, und verlangten Lebensmittel und Pferde, gleich darauf wurden sie von den Franzosen vertrieben; die feindlichen Kugeln zündeten das Dorf von Neuem an, und der Schrecken, als die Flammen wieder leuchteten, lähmte meine kranke Mutter; nun stürmten die Feinde in unser Haus und drohten, mich und den Vater umzubringen, aber der Anblick der sterbenden Frau machte, dass sie still wieder abzogen. In derselben Nacht starb meine zweite Mutter, und mein Vater war so betäubt, dass er nicht weinte und auch kein Wort sprach