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verlassen wollte, und sich selbst mit den übrigen Hausgenossen sobald als möglich zurückzog, um gespräche mit seinem Vetter zu endigen, die zu leidenschaftlich von diesem geführt wurden.

XV

Während die Gesellschaft im saal versammelt war, war Dübois noch für das fest des folgenden Tages beschäftigt, und die Anordnungen, welche er machte, führten ihn durch alle Gänge des Hauses. So ging er auch an dem Zimmer vorüber, in welchem die Bedienten versammelt waren, und hörte, wie ihm ein verwirrtes Getöse von lachen, Weinen, Schelten und Fluchen daraus entgegen tönte. Entrüstet öffnete der alte Haushofmeister die tür, um sich nach der Ursache des unziemlichen Lärmens zu erkundigen. Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht sogleich, und er sah, wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und erhitzten Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem rücken gegen die Wand lehnte; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend ein blinkendes Messer. Schurken! rief er mit von Wut entstellter stimme, wagt es, und der erste, der mir naht, dem stosse ich diess Messer in die Brust. Entsetzt sprang Dübois vor und rief: Um Gottes Willen, was geht hier vor? Soll ich Mord hier im haus erleben? Die Bedienten wichen zurück, und der Lärm verstummte, auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen, ob gleich die Hand noch das Messer hielt. Junger Mensch, fuhr Dübois fort, sich zu diesem wendend, was konnte Dich zu solcher Wildheit reizen, dass Du in Deiner zarten Jugend ein Mörder zu werden drohst? Herr, erwiderte der Knabe mit zitternder stimme, indem seine Wut sich in Wehmut auflöste und die hellen Tränen über seine Wangen flossen, Sie wissen nicht, wie mich diese Menschen reizten. Ich gehöre nicht zu ihnen, drum hielt ich mich abgesondert. Nun fingen sie an mich zu necken, meine Dürftigkeit zu verlachen und über meine Kleidung ihren Spott zu treiben; da verlor ich die Geduld und sagte ihnen, was meine ernstliche Meinung ist, dass ich lieber sterben wollte, als eine Livree tragen, wie sie, wenn sie auch noch mehr Gold an sich hätten; drauf wurden sie wütend und wollten mich schlagen, und so kam es, dass ich, um mich zu verteidigen, – hier stockte der Knabe, seine Hand liess das Messer fahren, und er blickte mit Beschämung vor sich nieder.

Und wenn Du nun so unglücklich gewesen wärest, in diesem törichten Streite einen jener unnützen Schufte zu tödten, fragte der alte Mann, und seine blutende Leiche läge jetzt vor Dir, würdest Du dann nicht verzweifeln. Ich habe Unrecht, sagte der Knabe, aber sollte ich mich denn schlagen lassen? Der Haushofmeister wusste keine Antwort zu geben, denn sein eigenes Ehrgefühl sagte ihm, dass der Knabe schwer gekränkt worden sei, und doch wollte er keine gewaltsame Handlung entschuldigen. Er wendete sich desshalb zu den Bedienten und sagte: Euer Betragen werde ich dem Herrn Grafen melden, und ich bin überzeugt, dass Ihr eher alle aus seinem Dienste gejagt werdet, ehe er es duldet, dass ein Gast seines Hauses, ein Verwandter in seinem Diener beleidigt wird. Du, mein Sohn, sagte er zu dem Knaben, komm von diesen Menschen hinweg, Du sollst in meinem Zimmer bleiben, bis Dein Herr Deiner bedarf. Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und führte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg.

Das fehlte noch, sagte einer der Zurückbleibenden, dass wir um des Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlören; aber Du, Johann, hast den Lärmen angefangen, bekommt es uns schlecht, so gehen wir über Dich her. Der Beschuldigte wollte sich verteidigen, es wurde Partie für und wider ihn genommen, und es war nah daran, dass der Streit ernstaft erneuert wurde, wenn nicht ein Jäger, der Vernünftigste der Gesellschaft, dringend zum Frieden ermahnt hätte. Seinem Rate beschloss man auch einmütig zu folgen, und man wollte Dübois, ehe er am andern Morgen den Grafen sprechen könnte, vermögen, die Sache zu verschweigen, und sich mit dem Knaben zu versöhnen suchen, damit auch dieser nicht bei seinem Herrn sich beklage.

Dübois hatte den Knaben auf sein Zimmer geführt und fragte ihn hier: Hast Du schon zu Abend gegessen, mein Kind? Nein, sagte der Knabe, da ich mich nicht unter die Bedienten mischen wollte, so hat mir auch Niemand etwas angeboten. Der Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast. Der Knabe fing unter stillen Tränen an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine. Als er seine Mahlzeit beendigt hatte, sagte Dübois: Und nun, mein Sohn, erzähle mir doch, wesshalb Du nicht zu den Bedienten zu gehören glaubst. Sie sind ein so guter Herr, sagte der Knabe zutraulich, recht wie einem Vater könnte ich Ihnen vertrauen, mit Ihnen kann ich gern über alles Unglück sprechen, das ich schon erlebt habe, so jung ich auch noch bin. Mein Vater war ein gelehrter Mann, aber weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte, so konnte er auch nicht auf eine Universität gehen und studieren, wie es sein Wunsch war, also konnte er auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an, wobei er sich auch recht gut stand. Es war ein schönes, grosses Dorf und hiess Schönau, wo wir wohnten, ein anderes