Anstand für ihn hätte einnehmen können, wenn nicht dem schönen, ausdrucksvollen gesicht alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hätte. Er war blass und mager nach überstandener Krankheit und Anstrengung. Zwischen seinen Augenbraunen ruhte ein Zug, den man hätte feindlich nennen können, wenn nicht die Augen einen Trübsinn ausgedrückt hätten, der zuweilen bis zur wilden Verzweiflung gesteigert schien.
Er näherte sich dem Grafen und sagte, indem er sich mit Kälte verbeugte, er habe den Wunsch nicht unterdrücken können, ihm seine Aufwartung zu machen, und sei schon so frei gewesen, ihm diesen Vorsatz in einem früheren Briefe anzukündigen. Der Graf erwiderte eben so kalt, dass es ihn herzlich freue, einen Verwandten bei sich zu sehen, dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewünscht habe; er stellte ihn hierauf der Gräfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen bekannt.
Der Gräfin verursachte das Feindliche in der Stellung, welche die beiden Verwandten gegen einander annahmen, die grösste Pein, und durch einige herzliche Worte suchte sie sich dem jungen mann zu nähern, auf die dieser indess zwar höflich aber mit schroffer Kälte antwortete. Vor St. Julien, als der Graf ihn nannte, beugte er sich kaum merklich, ohne ein Wort zu sagen, der junge Franzose erwiderte den Gruss, wie er ihn empfing, und in wenigen Minuten war eine allgemeine und gründliche Verstimmung entstanden.
Um ein Gespräch anzuknüpfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines neuen Gastes und bedauerte, dass er so viele Jahre ausser aller Verbindung mit seiner Familie gelebt habe, so dass ihm alle Verhältnisse derselben fremd geworden wären. Der junge Graf schoss einen feindlichen blick auf die Gräfin und sagte, die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein grosses Unglück beklagt worden.
Ich wüsste nicht, sagte der Graf, dem der blick nicht entgangen war, empfindlich, welch Unglück ich dadurch für Verwandte herbeigeführt hätte, die ich kaum in meiner Jugend gekannt habe. Ich fühle wohl, erwiderte sein Vetter, dass diese Erklärung nur mein Vater geben könnte, und dass er sie nicht in Gegenwart von Fremden geben würde. St. Juliens Auge glühte, er stand auf und wollte den Saal verlassen. Wo wollen Sie hin, mein bester St. Julien, sagte der Graf, indem er ihm mit Zärtlichkeit die Hand bot, Sie wissen, wie lieb mir Ihre Gesellschaft ist, warum wollen Sie uns also verlassen? St. Julien setzte sich wieder, der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt, und es entstand ein drückendes Schweigen.
Die Gräfin versuchte es von Neuem, das Gespräch wieder zu eröffnen, aber alle ihre fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert, wie es der Anstand nur irgend erlaubte. Der Graf verlor beinah die Geduld, doch da er dachte, dass das Kommen seines jungen Vetters gewiss einen Zweck habe, so tat er sich selbst Gewalt an, um wo möglich diesen kennen zu lernen. Es waren nach und nach alle Gegenstände vergeblich berührt worden, durch die man hoffen konnte, ein Gespräch einzuleiten, und der Graf tat nun als letztes Hülfsmittel einige fragen über den Krieg.
Ein schmerzliches, fast höhnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen Grafen. Wie glücklich, sagte er, dass Sie hier den Krieg nicht erlebt haben, dass Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege können erzählen lassen, und abwechselnd Freunde und Feinde bewirten. Ich will Ihnen nur e i n e geschichte aus dem Kriege erzählen, und Sie werden für Ihre Ruhe dem Himmel danken. Ein junger Offizier, mein Freund und Waffenbruder, ging mit mir zugleich zum Regiment, und machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswürdigen Schwestern bekannt, die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten. Wir hatten uns kaum entfernt, so hörten wir, die Franzosen hätten es genommen und geplündert. Mein unglücklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen; bald darauf wurde das Schloss von den Preussen genommen, welche die Not zwang, ohne Rücksicht für die Bewohner die noch übrigen Vorräte zu benutzen. So zogen fünfmal abwechselnd Feinde und Freunde hindurch, bis auch unser Korps wieder in die Nähe gedrängt wurde. Auf dem väterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die Saaten bei einem blutigen Scharmützel; die Feinde zogen sich zurück, aber mein Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen, auf seinem eigenen Boden. Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Väter und fand es öde, aller Mobilien beraubt, die Fenster zerschlagen, von allen Bewohnern verlassen; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine weisse, bleiche Gestalt, die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem Lächeln auf die Leiche ihres Bruders deutete, der schon gestorben war. Es war die jüngste Schwester meines Freundes; die Mutter und die beiden älteren waren tot, und diese durch Hunger und jede Misshandlung wahnsinnig geworden. Dies ist der Krieg, schloss der junge Graf, von dem sich hier freilich keine Spuren zeigen.
Die Gräfin verhüllte bei dieser grässlichen geschichte das Gesicht, Emiliens Tränen flossen unverborgen, und auch die männlichen Zuhörer waren tief erschüttert. Der Graf glaubte, dass die allgemeine Teilnahme, die sein Vetter bemerken musste, diesen geneigter machen würde sich anzunähern, aber im Gegenteil schienen durch die erzählte Begebenheit Gefühle in ihm erregt zu sein, die ihn noch feindlicher stimmten. Er äusserte sich in so starken Ausdrücken über die Franzosen, dass es der Graf nicht mehr hinderte, als St. Julien den Saal