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, dass er aber gewiss mit Opfern aller Art werde erkauft werden müssen, und dass zu befürchten sei, dass, wenn die eigne Kraft zu sehr geschwächt würde, dann auch von Russland für die Zukunft nichts zu hoffen sei. Diess Unglück, rief der Obrist, mag ich gar nicht denken, ich betrachte jeden Frieden mit Frankreich nur wie einen Waffenstillstand, um neue Kräfte zu sammeln, und der Kampf wird sich immer wieder erneuern, bis endlich der gemeinsame Feind erliegt.

Da der Graf bemerkte, wie peinlich für St. Julien die Unterhaltung wurde, so suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte den Obristen, ob er sich nicht freuen würde, vielleicht nach dem Frieden den jungen Grafen Hohental wieder zu sehen, da er gehört habe, er sei früher mit ihm bekannt gewesen? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachteilige ein, was der junge Graf so oft über seinen Oheim und dessen Gemahlin geäussert hatte, und er antwortete daher mit Befangenheit, wohl würde es ihn freuen, mit dem jungen mann wieder zusammen zu treffen, der so oft die trüben Tage seiner Einsamkeit erheitert habe. Der Graf fragte über den Charakter seines jungen Vetters, und obwohl der Obrist nur lobend sich über ihn äusserte, so geschah diess doch mit so vieler Zurückhaltung, dass der Graf misstrauisch wurde und glaubte, der Obrist wollte nur aus Schonung für ihn nichts Nachteiliges über seinen Verwandten sagen.

Teresens Wangen glühten, sie konnte die Zurückhaltung ihres Vaters nicht begreifen; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar zu sein; sie wusste, wie er über den jungen Grafen dachte, und nun war sein Lob so kalt, so gemessen, dass es beinah wie Tadel klang. Ach, hätte sie das Bild des jungen Mannes entwerfen dürfen, wie es in ihrer Seele lebte, der Graf würde dann nicht ein so gleichgültiger Zuhörer gewesen sein. Wie oft in den Stunden der bittersten Not hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt, wie auf einmal der junge Held erscheinen, und durch ihn alles unsägliche Elend in Glück und Freude verwandelt werden würde, und nun, da sie ihn mit solcher Kälte musste loben hören, schien es ihr, als ob die zärtlichen, sinnigen Augen ihres Freundes zu ihr hinüber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten.

Die Gesellschaft trennte sich spät und kehrte in einer schönen, warmen, mondhellen Nacht nach Schloss Hohental zurück. Hier erfuhr der Graf, dass der Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewünscht habe; auch berichtete Dübois, dass der geistliche Herr versprochen habe, des andern Tages in der Frühe wieder zu erscheinen. In der Tat war die Gesellschaft am andern Morgen auch kaum versammelt, als der Pfarrer eintrat, und nach den ersten kurzen Begrüssungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte, die General Clairmont mitgebracht habe, dessen kurzer Besuch auf dem Schloss dem Pfarrer schon bekannt war. Der Graf musste das schon öfter Mitgeteilte wiederholen, und weder der Prediger noch der Arzt, der auch hinzugetreten war, konnten viel Tröstliches in diesen Nachrichten finden. Der Krieg, sagte der Prediger endlich, hat uns viel Unglück gebracht, und von dem Frieden, scheint es, dürfen wir wenig Gutes hoffen; indess wird doch wenigstens dann wieder ein geregelter gang der Geschäfte eintreten; die Menschen werden sich doch regen und wieder erwerben können, und das ist bei der jetzigen allgemeinen Not immer schon ein grosser Trost. Ich werde dann auch wieder für Manche etwas tun können, um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und auch unserem Schulzen hier kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen, wenn alle Behörden erst wieder in Tätigkeit sind. Recht! rief der Arzt, nicht die Sache der Menschheit aufgegeben, durch keine Not, durch kein Drangsal darf ein edler Geist dahin gebracht werden, auch ich will meine Studien fortsetzen, und wenn der Friede eintritt, werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr fehlen; der Verkehr der Geister wird wieder frei.

Der Graf bewunderte schweigend, welche Armseligkeiten die meisten Menschen zu trösten und zu beruhigen vermögen, und durch welche unbedeutenden Gegenstände ihr inneres Auge von den grossen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird.

Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt, und jeder Preusse konnte nicht anders als mit heissem Schmerz die tiefe Herabwürdigung des Vaterlandes betrachten, die in diesem Frieden lag. Er war so drükkend, dass es beinah wie Spott klang, diese Uebereinkunft Friede zu nennen. Beinah unerschwingbare Summen mussten bezahlt werden, die Hauptfestungen blieben in Französischen Händen, eine Besatzung im land, und das Preussische Heer musste bis zur Unbedeutenheit vermindert werden.

über die gefurchten Wangen des Obristen Talheim flossen heisse Tränen, als er die Bedingungen dieses Friedens las. Es ist vorbei, rief er dem Grafen zu, Preussen ist verloren, die Bedingungen können nicht erfüllt werden, dann haben die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren, und wenn durch ein Wunder Alles sollte erfüllt werden können, so bleibt es immer der Grossmut der Feinde überlassen, ob sie gehen wollen, denn wir behalten keine Armeen, sie zu vertreiben.

Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war, suchte er doch seinen alten Freund aufzurichten, indem er ihn darauf aufmerksam machte, dass gerade aus dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln könne, die Niemand noch ahnete. Die nächste sorge, schloss er, wird sein müssen, die Summen herbei zu schaffen, die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind, und diess