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Systeme beitreten und den Insulanern Eure Märkte verschliessen; daraus folgt dann freilich, dass Eure alten Frauen und Kaffeeschwestern Napoleon verwünschen werden, weil er ihre Genüsse stört, aber dieser ohnmächtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschüttern.

Gewiss, sagte der Graf, wäre es töricht und kindisch von uns, an so armselige Genüsse zu denken, wenn das Vaterland untergeht, und mir scheint, es haben die denkenden Geister so triftige Gründe, so tief gefühlte Ursachen, Eures Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen, dass es dieser kleinlichen Dinge dazu nicht erst bedarf. Aber auch dafür wollt Ihr sorgen, so scheint es, dass auch der arme und beschränkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegründeten Hass erinnert wird. Es ist ganz etwas anders, fuhr der Graf heftig fort, als er bemerkte, dass der General ihn unterbrechen wollte, wenn einem volk eine Entbehrung auferlegt wird, die zu seiner Erhaltung dient, deren notwendigkeit es selbst fühlt und einsieht, und Frankreich wird vielleicht noch einmal erfahren, welche Entbehrungen die Preussen erdulden können, um ihr Joch abzuschütteln. In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wäre unmännlich und verächtlich. Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnöde missbraucht, wenn er, um unausführbare Plane zu verfolgen, den Armen selbst bis in seine häuslichen Einrichtungen verfolgt und drückt, so wird diesem Armen das weitere Nachdenken erspart und sein Hass wird ohne Geistesanstrengung genährt. So oft ein Armer den jämmerlichen Genuss eines angewöhnten Getränks entbehren muss, so oft die Frau eines in seinen Mitteln beschränkten Bürgers daran denken muss, ihren Tisch so zu bestellen, dass sie den Zucker entbehren kann, eben so oft werden alle diese Menschen fühlen, dass ein furchtbarer Despotismus sich auf uns gelagert hat, und es wird der unerträgliche Druck, den Willkühr und Laune gegen das äussere Leben üben, im volk gewiss einen eben so lebhaften Abscheu, einen eben so glühenden Hass entzünden, wie edlere Gründe bei dem gebildeten Teile der Nation, und wenn Frankreichs Kaiser, wie aus einem Herzen, von allen diesen Millionen verabscheut wird, so muss er unterliegen.

Halt! sagte der General ernstaft, Dein Eifer führt Dich zu weit und Du bringst Dich in Gefahr, ohne Deiner Sache zu nützen. Ich kann es mir denken, wenn Ihr an Euerm König hängt, dass Euer Herz mit Kummer erfüllt ist. Ich sehe es ein, dass Eure National-Ehre gekränkt ist und diess könnte auch einen Franzosen zur Verzweiflung bringen, aber wenn ich Dir so viel einräume, so gib auch Du zu, dass solche Rücksichten unsern Kaiser nicht hindern dürfen, sein grosses Ziel zu verfolgen, und bedenke, dass die Zeit viel zu aufgeregt ist, als dass ungeahnet Reden, wie Du sie führst, geduldet werden können; bedenke, dass Du Dich dann nicht über Napoleon zu beklagen hast, wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglück herbeiführen, und wenn, wie es scheint, fuhr er lächelnd fort, die Kolonialwaaren zu Deiner Familienglückseligkeit notwendig sind, so bin ich der Mann, der Dir persönlich die Freiheit verschaffen kann, so viel davon kommen zu lassen, dass Du die Wohltat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst.

Der Graf musste lachen, sich so wenig verstanden zu sehen; indess gab er dem besorgten Freunde darin Recht, dass die gegenwärtige Zeit mehr Vorsicht erheische, und er versprach ihm diese Vorsicht zu üben.

Und nun, rief der General, lebe wohl! Meine Zeit ist gemessen, empfiehl mich Deinen Damen, deren Anblick, wie es scheint, mir versagt bleiben soll, ich mag als Feind oder Freund erscheinen, und doch gestehe ich, ich hätte gern der Frau meine Huldigung dargebracht, die Dich Philosophen zu fesseln vermochte. Nachdem er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte, eilte er die Treppe hinunter, sprang in den geöffneten Wagen, und dahin flog die leichte Equipage durch den Baumgang, und bald schmetterte das Postorn und weckte das Echo in dem engen Tale von Neuem. Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach, bis sich die Töne in der Ferne verloren.

XIV

Es war ziemlich spät geworden, als der Graf endlich die wohnung des Obristen erreichte. Man war dort schon über sein langes Ausbleiben ängstlich geworden, und Alle begrüssten ihn mit Herzlichkeit, da er in ihrer Mitte erschien. Der Graf teilte die Ursache seiner verzögerten Ankunft mit, und die Gräfin war froh, dass ein glücklicher Zufall sie begünstigt hatte, und sie, ohne dass es auffallend erschienen, die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden können. Der Obrist fragte ängstlich, ob der General nichts über den zu erwartenden Frieden geäussert habe, und als der Graf ihm nun alles mitgeteilt hatte, was ihm selbst bekannt war, rief der alte Krieger mit gefalteten Händen und den blick gegen Himmel gerichtet: Gott sei gedankt, dass doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes bleibt, aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann; in unserm unsäglichen Elende müssen wir den Himmel für diese Gnade preisen. Uns bleibt doch auch unser König, kein Franzose wird uns beherrschen. Ach! fuhr er mit Rührung fort, wenn es möglich ist, dass die Verstorbenen von uns wissen, so muss es den grossen Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen, zu sehen, wie das Werk seines Heldenmutes und seiner Staatskunst untergeht, und durch wen? Durch dieselben Franzosen, die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen Untertanen vorzog.

Der Graf bemerkte, dass er nur das Allgemeinste über den bevorstehenden Frieden wisse