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, Erkundigungen über alle Mitglieder der Hohentalschen Familie hatte einziehen wollen, aber durch die unruhigen zeiten daran war verhindert worden. Er konnte jetzt dem Grafen mitteilen, dass sein Verwandter, der den Prozess gegen ihn habe einleiten wollen, in sehr bedrängten Umständen lebe, und dass vermutlich das so wichtige Dokument, welches der alte Lorenz entwendet hatte, nur dadurch in die hände des Grafen zurückgekommen sei, weil sein Vetter die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen können, um dem alten Lorenz den Diebstahl zu bezahlen. Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner, dass sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe, der in der Schlacht bei Eilau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem tiefsten Kummer erfüllte, weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe.

Der Graf beschloss nach diesen Nachrichten, sobald es die Umstände erlaubten, mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen.

Es war ein schöner, heitrer Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli, als die Gräfin mit St. Julien und Emilie den Obristen Talheim besuchte, der so sehr von den neuesten begebenheiten niedergebeugt war, dass man für seine Gesundheit fürchten musste. Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter durchzusehen und versprach, den Uebrigen zu Pferde zu folgen. Eben waren seine Geschäfte beendigt, eben wollte er befehlen, sein Pferd vorzuführen, als das Schmettern eines Postorns, das ein vielfaches Echo in dem engen Tale weckte, seine Aufmerksamkeit erregte. Er trat zum Fenster und bemerkte bald, wie ein leichter, glänzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und in den Baumgang einlenkte, der zu des Grafen Schloss führte. Der Wagen flog in den Hof, zwei Bediente sprangen ab, um den Schlag eilfertig zu öffnen, und heraus stieg der General Clairmont, der eilig die grosse Treppe hinauf sprang und, ehe der Graf, der ihm entgegen ging, noch die Treppe erreichte, schon in dessen Armen lag. Ich musste Dich noch sehen, mein guter, teurer Freund, rief der General, indem er dem Grafen herzlich die hände drückte; ich kann nur eine Stunde bei Dir bleiben, ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris, und ich machte den kleinen Umweg mit Freuden, um Dich noch ein Mal zu umarmen.

Der Graf dankte ihm für seine Freundschaft, und da er nur einen so kurzen Besuch ankündigte, so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft, und beide Männer sassen bald in trauliche gespräche vertieft, zu welcher Unterhaltung der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug.

Weisst Du, rief er endlich, wesshalb ich mit solchem Entzücken nach Paris fliege? Es ist meiner Familie gelungen, eine Verbindung für mich zu schliessen, die ich schon einleitete, ehe dieser Krieg ausbrach, und jetzt werden meine Wünsche gekrönt; eine der schönsten Damen in Paris ist meine Braut, jung, reich, liebenswürdig, talentvoll und, sezte er mit Gewicht hinzu, von altem Adel. Und die Schöne, die in Deiner Begleitung war? fragte der Graf lächelnd. Ach! rief der General, die lustige Dirne ist fort. Ich wurde bei Eilau, wo es verdammt heiss herging, verwundet, zwar nicht bedeutend, aber ich musste doch einige Wochen zu Bettliegen; ich vertraute der leichtsinngen person zu sehr, sie zeigte mir grosse Liebe, übernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager, und so kam es, dass ich, als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und erwartete, sie werde wie gewöhnlich, mein Frühstück bereiten, erfuhr, sie sei mit einem jungen mann davon gegangen, der sich auch im Lager aufhielt und den sie für ihren Bruder ausgegeben hatte. Als ich nachsehen konnte, ergab es sich denn freilich, dass sie alles mitgenommen hatte, wozu sie hatten kommen können, aber mag es sein, ich fluche ihrem Andenken desshalb doch nicht; da ich nun eine ernstafte Verbindung schliessen will, so hätte ich sie doch von mir entfernen müssen; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und einen deutschen Pinsel damit beglücken.

Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald die Gegenstände berührte, die für Alle die wichtigsten waren, und als der Graf des Waffenstillstands gedachte, rief der General: der Friede ist so gut wie geschlossen, und was ich nimmermehr geglaubt hätte, Preussen besteht noch. Der frühere Plan Napoleons, diese Monarchie gänzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen, ist aus persönlicher Freundschaft für den russischen Kaiser von ihm aufgegeben worden. Freilich, fügte er lächelnd hinzu, werdet Ihr unschädlich gemacht, die Hauptfestungen bleiben in unsern Händen, eine Besatzung fürs Erste im land, aber Ihr besteht doch als Monarchie, und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge etwas Grosses zu nennen.

Eine dunkle Röte des Zorns färbte die Wangen des Grafen, der in dem leichtsinnigen Freunde einen höhnenden Feind zu erblicken glaubte; mit Mühe hielt er sein Gefühl zurück und sagte mit unterdrückter stimme: Es ist auch etwas Grosses, dass Preussen noch besteht, und Wer weiss, was sich in der Zukunft daraus entwickeln kann.

Gewiss, fuhr der General scherzend fort, ohne des Grafen veränderte Stimmung zu bemerken, Manches werdet Ihr Euch jetzt müssen gefallen lassen. Napoleon verfolgt standhaft seinen Plan, England zu verderben, und da dieses Volk am Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann, so müsst Ihr grossherzigen Preussen dem Prohibitiv-