, dass ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude gewähren würde, weil er seine deutschen Freunde, an die ihn tausend zarte Bande knüpften, so innig schmerzen musste.
Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders betrachten gelernt; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn, wie beinah alle jungen Leute in Frankreich, Militärdienste genommen; es schwebte ihm dunkel das Bild des glänzenden Ruhmes vor, den er, durch Napoleons Stern geleitet, gewinnen wollte, ein strahlender Name in der geschichte, und als Lohn im gegenwärtigen Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich. Er hatte sich nie gefragt, wesshalb diese Kriege geführt würden und welchen Zweck sie befördern sollten.
Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden, der ihm das Leben rettete, und hier öffnete sich sein Herz Gefühlen, die ihm diess Leben verschönerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren; denn wie innig er seine Mutter auch liebte, so fühlte er doch, dass er der Gräfin mit grösserer Zärtlichkeit ergeben sei. Der Graf flösste ihm nicht nur die Liebe ein, die er für einen Vater empfunden haben würde, wenn er jemals einen Vater gekannt hätte, sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung; er war ihm das Vorbild eines vollendeten edlen Mannes, dessen kleine Schwächen selbst seinen Charakter mehr zierten, als entstellten. Sein empfängliches Gemüt öffnete sich dem Zauber, den die Dichtkunst auf ihn übte, die er durch den Grafen in den Werken aller Sprachen kennen lernte, und er empfand es lebhaft, welchen nie versiegenden Quell der edelsten Genüsse ein gebildeter Geist in sich trägt. Und Emilie! Schon der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen, jeder ihrer Blicke, jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber; er fühlte die glühendste leidenschaft, die zärtlichste sehnsucht in seiner Seele und wagte es zu hoffen, dass ein ähnliches Gefühl sich auch in ihrem Busen entzündet hätte.
Unter diesen Umständen war ihm der Gedanke schrecklich, diess Haus, diese Menschen je verlassen zu müssen, und doch war diess, sobald der Friede geschlossen war, unvermeidlich, und er schloss sich seinen deutschen Freunden und vor Allen Emilie nur um so inniger an, um über der beglückenden Gegenwart die quälenden Sorgen für die Zukunft zu vergessen.
Es konnte der Gräfin nicht entgehen, dass zwischen St. Julien und Emilie sich das zarteste, innigste verhältnis bildete; es erfüllte diess ihr Herz mit Sorgen für die Zukunft ihrer jungen Freunde, und dennoch wagte sie nicht mit Emilien darüber zu sprechen, weil oft eine leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt, wenn man unbestimmten Gefühlen Wort und Gestalt gibt. Die jungen Leute ferner als bisher von einander zu halten, liess sich ohne fühlbaren Zwang nicht machen, und dieser würde ein Misstrauen, welches keines von beiden verdiente, gezeigt haben. Es blieb also der Gräfin nichts weiter übrig, als von der Zukunft, wenn auch mit sorgendem Gemüte, zu erwarten, wie das los ihrer jungen Freunde sich entwickeln würde.
Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde mehrere Tage gelebt; da begann die Hoffnung, welche nach der Schlacht bei Eilau erregt worden war, nach und nach zu sinken. Der Obrist Talheim, der sich am lebhaftesten gefreut hatte, wurde zuerst bedenklich, da nach diesem grossen Schlage keine Veränderung in der politischen Lage fühlbar wurde. Er fing zuerst an den grossen Sieg zu bezweifeln, und bald konnte es sich Niemand mehr verbergen, dass zwar ein grosses Blutvergiessen bei Eilau stattgefunden hatte, aber dass es für keine Partei entscheidend gewesen war. Ein Schimmer von Hoffnung erhielt sich noch; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kräftigen Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeutenden Vorteile gewonnen.
Während solcher Spannung kam der Frühling heran. Die Wiesen bekleideten sich mit zartem, frischem Grün; der würzreiche Duft der Veilchen schwebte in den Tälern; tausend Blumen öffneten ihre Knospen und schimmerten der wärmenden Sonne in allen Farben entgegen; die Bäche waren von den Banden gelöst, mit denen sie der Winter gefesselt hatte, und schlängelten sich wie Silberbänder durch das frische Grün; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die silbernen Stämme, indess Buchen, Linden, Eichen und alle später sich belaubenden Bäume ernstaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der lauen Luft wiegten, gleichsam als ob sie das voreilige Tun der andern tadeln wollten.
Noch kein Frühling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzücken erfüllt, als dieser, und Emilie behauptete, ihn in solcher Schönheit noch nie erlebt zu haben; auch Teresens Seele öffnete sich dem holden Zauber, und die jungen Leute vergassen allen Kummer der Welt, wenn sie auf den nahen Bergen umher schweiften oder durch die blühenden Täler einem klaren Bache folgten, bis er sich mit Brausen auf die Räder einer einsam gelegenen Mühle stürzte. Die älteren Freunde genossen mit Sorgen die schönen Tage, denn trübe und schwül wie ein Gewitter drückte die französische Macht das Land, und bange harrte man der Zukunft entgegen.
Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen, und wenige Tage danach wurde der Waffenstillstand mit Russland geschlossen und gleich darauf der mit Preussen. Jetzt mussten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben werden, denn Jedermann konnte voraussehen, dass ein höchst nachteiliger Frieden diesem Waffenstillstande folgen werde.
In dieser Zeit hörte der Graf mit minderer Teilnahme, als wohl sonst in seinem Charakter lag, die Berichte des Predigers, der schon früher, wie er es versprochen hatte