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seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschloss daher, seine Familie auf dem schloss zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze des feindlichen Generals am Sichersten glaubte, und kehrte mit dem arzt nach dem dorf zurück, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.

Alles war hier in vollkommener Ruhe, die französischen Soldaten hatten sich überzeugt, dass die Bauern bereit waren, sie so gut als möglich zu bewirten; da sie die Vorräte der Häuser selbst untersucht hatten, so wussten sie, wie weit sie ihre Forderungen ausdehnen könnten, und waren genügsamer geworden.

Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu spielen oder ihrem Wirte in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen. Einige suchten sich eine Violine und einen Bass zu verschaffen, um in der Schenke zum Tanze zu spielen; denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum Tanze willig gemacht hatten; auch einige Mägde aus dem dorf waren überredet worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu eröffnen.

Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom schloss gesendeten Kraftbrühen und durch den guten, ebenfalls von dort erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten. Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien, die ihm sein deutscher Kunstgenosse mitteilte, und der Prediger lud den deutschen wie den französichen Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig angenommen wurde.

XIII

Der andere Tag ging ohne Störung und ohne merkwürdige Vorfälle vorüber. Den folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter, um sich der grossen Armee anschliessen. Das Geräusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war verschwunden, und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das Schloss nieder, als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nähe wüteten.

Der Graf besuchte nun den Obristen Talheim, den er vom schloss entfernt gehalten hatte, so lange die Franzosen dort die Herren waren, denn der alte Krieger würde nicht mit der nötigen Geduld den Anblick der übermütigen Sieger ertragen haben. Er teilte ihm zum Troste die Nachricht mit, die sich anfing zu verbreiten, dass endlich die Russen zum Beistande erschienen seien, und man hoffte nun mit Gewissheit, dass Napoleons Macht an dem nordischen Koloss scheitern würde.

Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemüts nachteilig gewirkt zu haben, denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern; seine Wunden entzündeten sich von Neuem, und der Arzt geriet in Verzweiflung. Emiliens Kummer war sichtbar, wenn der junge Mann so bleich und im Fieber zitternd in der Gesellschaft erschien, und ihre fragenden, teilnehmenden Blicke senkten Balsam in das verwundete Gemüt des Kranken. Der Graf und die Gräfin bemühten sich liebevoll ihn aufzurichten, und Dübois verdoppelte Aufmerksamkeit und Pflege. Selbst der Obrist Talheim bewies dem jungen mann aufrichtige Teilnahme und vermied es sogar, in seiner Gegenwart die Franzosen zu verwünschen, so dass nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele zurückkehrte. Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr gelitten, als man Anfangs glaubte, und der Graf musste auch hier helfend eintreten, wenn nicht einige ganz zu grund gehen sollten; er selbst erwähnte seinen eigenen Verlust nicht, ob dieser gleich nicht unbedeutend war.

So war das Weihnachtsfest herbeigekommen, und obgleich Jeder dem Andern kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing, so waren doch alle Gemüter zu sehr gedrückt, als dass eine allgemeine Heiterkeit hätte stattfinden können. Die Feinde waren Herren des Landes, das von ihnen planmässig ohne Schonung benutzt wurde; die Festungen waren in ihrer Gewalt, und Niemand konnte es sich abläugnen, dass eine grosse Entscheidung nahe sei, denn, musste die Macht Russlands vor der Napoleons weichen, so war es nur zu gewiss, dass er ohne Widerspruch das Schicksal des unglücklichen Landes bestimmen durfte.

Diese traurige Stimmung wurde noch erhöht, als die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete; beinah aller Mut und alle Hoffnungen wurden erschüttert. Die langen traurigen Winterabende trugen dazu bei, die Schwermut zu erhöhen. Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus der Wirklichkeit hinweg zu flüchten, und in Poesie und Musik den Trost zu suchen, den das Leben in der Gegenwart nicht gewähren konnte.

Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht, die den 7 und 8 Februar bei Eilau geschlagen sein sollte. Das Gerücht verkündigte, die Russen wären die Sieger und Napoleons Armee nach einem fürchterliche Blutbade vernichtet. Wenn auch das menschliche Gefühl die auf Hohental vereinigten Freunde zu schaudern zwang über den grässlichen Untergang so vieler Tausende, so erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude; die Hoffnung regte sich im Herzen; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes, und wenn man auch ahnete, dass noch manche Kämpfe zu bestehen sein dürften, so fasste man doch Mut nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glücks. Nur St. Julien schlich bei der allgemeinen Freude hinweg; er fühlte mit innigem Schmerz die Niederlage der Franzosen; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte, der Sieg schien ihm gefesselt an die französischen Adler; er konnte sich die Möglichkeit nicht denken, dass die dreifarbige Fahne rückwärts wiche, und er hoffte also mit sehnsucht auf bestimmte Nachrichten, die, wie er nicht zweifelte, diesen ersten widersprechen würden. Aber sein Herz war geteilt, er musste es sich gestehen