Leben vertraut.
Und jene unglückliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser stimme.
Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm stand, erwiderte der General; seine Schwester aber war es nicht, fügte er hinzu, die würde ich erkannt haben. Dabei fällt mir ein, fuhr er lächelnd fort, es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese Schwester mit Dir zu verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Gräfin, Deine Gemahlin vielleicht –
Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes, wie seiner liebenswürdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach über den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte ich noch immer die Hoffnung, ich würde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal plötzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermutet erschienst, so träumte ich oft, würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich als herzlicher Freund in seine arme schliessen.
Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lächelnd der General.
Sei nicht ungerecht, erwiderte der Graf, und tadele es nicht, wenn das traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter stimme fort, dass sie das Edelste hinwegraffen, dass sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf gleiche Weise vergiessen.
Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun nicht dem grossen Geist unendlichen Dank schuldig, der diess blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und Sicherheit in alle Familien zurückkehren hiess und Frankreichs Söhne auf eine Bahn des Ruhms leitete, so kühn, so glänzend, wie die geschichte kein Beispiel bietet?
Es wäre ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Grösse nicht anerkennen zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen, aber glaube mir, fügte er lächelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urteil über Napoleon; diess müssen wir der unparteiischen Nachwelt überlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart befangen; diejenigen, die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt, werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger schonungslos drückt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich gross in Euerm Helden erscheint, und auch anerkennen, dass er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht war.
Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der General empfindlich, und urteilst, ob Du gleich behauptest, dass wir nicht urteilen können.
Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiderte der Graf, indem er freundlich die Hand seines Freundes fasste, jeder von uns müsste seine Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern übertreten sollte, darum lass es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt.
Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder über Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmassungen wiederkehren, wenn – Ich meine gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als dass wir die Zeit unseres Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du Recht, erwiderte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr über Politik sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise näher zusammenrückt, als Du vorhin meintest.
Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.
Ich darf eigentlich gar nicht wissen, dass Sie hier sind, sagte der General; da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Anteil an den Gefechten nehmen können, so will ich Sie hier als krank zurücklassen und Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben müssen, da wir übermorgen weiter ziehen, um uns der grossen Armee anzuschliessen. St. Julien fühlte sich beschämt und gekränkt, dass er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn ängstigte der Gedanke, dass der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten könnte, und er setzte ihm desshalb sein ganzes verhältnis zum Grafen auseinander und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort verletzen könne.
Der General hörte mit Rührung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet worden. Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind Sie gewissermassen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen; auch bin ich überzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben. Aber nun erklären Sie mir, schloss er seine Rede, wie kam es, dass man Sie, getrennt von der Armee, in dieser hülflosen Lage einsam fand?
Eine dunkle Röte bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen