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zu schaden. Ich will zu Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht die richtige war.

Der Graf fühlte selbst, dass es besser sei, dergleichen gespräche zu vermeiden, und liess St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten würden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung zu gewähren, weil er sich nach dem, was vorgefallen war, der Gräfin gegenüber unbehaglich gefühlt haben würde; auch seine Begleiterin erklärte, nicht erscheinen zu wollen, und so waren die Männer diess Mal bei der Tafel allein, und der General benuzte die grössere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmöglich gemacht haben würde, und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen, wenn er solche witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Mut hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General fürchtete, und sich doch empfindlich gekränkt fühlte, dass er seine geistliche Würde so verletzen lassen musste.

Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen, indem er diesen an die früheren zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem Kreise gehört hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck, dass der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete, der ist in jener Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, dass kaum zwei oder drei als Lebende bezeichnet wurden, die sämmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee erreicht hatten.

Es macht mich schwermütig, rief der Graf, wie vieles Leben untergehen muss, um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen, und da beinah Alle, mit denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit wir uns trennten, nichts habe erfahren können. Was ist aus dem jungen Evremont geworden.

Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand plötzlich aus seinen Zügen, und es schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge, wodurch auch die wirkung des Weins aufgehoben würde, denn ernst und nüchtern erwiderte er: Mit dieser Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück, und alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfüllte, droht mich von Neuem zu ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann damit über die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können. Du verliessest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere Revolution täglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres Freundes, hiess es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerücht behauptete, er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte man behaupten, er sei abwesend, als er plötzlich in Paris erschien und sich allentalben öffentlich zeigte. Er liess es sich gefallen, dass ihn Niemand mehr Graf, sondern Alle Bürger Evremont nannten. Es war die Rede davon, dass er bei der Armee angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete, er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen, denn es ergab sich, dass Vieles verkauft war. Ich teilte die allgemeine Ansicht, dass er sich zur Condéschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an ihn.

Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris, und es war die traurige Pflicht des Dienstes, in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner Compagnie zu erfüllen. Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon gefallen; ich hatte mich von dem scheusslichen Anblick abgewendet, und ich begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen: Evremont! aber das Entsetzen fesselte die stimme in meiner Brust; in demselben Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, dass alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertönte; auch meine Augen folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend weisse arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertönte, und die Gestalt sank zurück und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot wendete, hatte unser unglücklicher Freund geendet, und sein edles Blut strömte dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich sonst mit ganzer Seele anhing, grässlich vor; ich beweinte unsern Freund mit bittern Tränen, ich glaubte nicht, dass ich, nachdem ich diess erlebt hatte, jemals wieder heiter werden könnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen Freuden und Schmerzen? Ich überwand diess, wie vieles Andere und wurde wieder mit dem