Wenn Madame meine Gemahlin wäre, so würde sie sich wie eine Frau von stand zu betragen wissen.
Diess Wort klärte die Sache auf, und der Graf befahl, dass man ihr im untern Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten, die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger zu ihr trat und sie folgendermassen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ich Sie unter solchen Umständen hier antreffen könnte. Kann man so durchaus jedes Gefühl der Scham und Dankbarkeit verläugnen.
Die junge person hatte verlegen vor sich nieder geblickt; da aber jetzt Alles auf sie einstürmte, so fand sie auf ein Mal den Mut zur Frechheit wieder, und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wüsste doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig wäre; doch wohl Ihnen nicht dafür, dass Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung für seine Geliebte wiederkehrte, so wie das Gefühl der Beschämung über ihr Betragen verschwunden war, machte es ihm unmöglich, indem er seine Schöne bei der Hand nahm und sagte: Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer führen.
Er verliess in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge person sei? Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter. Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Gräfin wieder in Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, dass sie gezwungen würde, den General zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.
Als der Graf in den Saal zurückkehrte, fand er den General und den Prediger darin auf und abgehend, und er hörte eben, wie der Letztere das Versprechen empfing, dass die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurück gezogen werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte Vertraulichkeit der früheren Zeit erneuert worden, und der Letztere teilte dem feindlichen Anführer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Gründen, die ihn zu der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nötigen, seinen Fahnen zu folgen. Der General sah es ein, dass sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt werden könnte, wenn er den jungen Mann entliesse und die preussische Regierung ihn jemals wieder in Anspruch nehmen könnte; aber, schloss er seine Rede, da dieser Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgniss nicht zu begreifen.
Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der Tat, erwiderte der General sehr gelassen, dass der Kaiser Napoleon die Grossmut so weit treiben wird, die preussische Monarchie wieder herzustellen, die schon vernichtet ist, und dass er zu diesem Behuf dem Könige Provinzen zurück geben wird, die wir schon besitzen?
Niemals war es dem Grafen eingefallen, dass es in dem Plane des französischen Kaisers liegen könnte, Preussen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es erschütterte desshalb sein Innerstes, dass Jemand ihm gegenüber ein so ungeheures Unglück so gelassen aussprechen konnte. Könnte ich glauben, erwiderte er dem General, dass diess Entsetzliche eintreten könnte, es würde mich zur Verzweiflung bringen. Ich kann begreifen, dass Ihr in Frankreich mit Gleichgültigkeit den Wechsel der Regenten, den Austausch der Länder betrachtet; Ihr habt so vielen Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als dass sie tiefe Wurzeln hätten schlagen können; Ihr würdet Euch ebenfalls trösten, wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.
Halt! rief der General, lästre den Kaiser nicht, sprich nichts Hochverräterisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden nie wieder betreten.
Ich wollte nur sagen, erwiderte der Graf, dass diese Begebenheit nicht ausserhalb der grenzen der Möglichkeit liegt, und dass Euer Kaiser, so hoch das Glück ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu machen; denn meinst Du, wenn unser Unglück so gross sein sollte, dass wir diess Mal gänzlich erliegen müssten, und die Macht von Russland nicht hinreichen sollte, Euern Sieg zu hemmen, dass dann nicht ein neuer Mut eben aus der Verzweiflung entstehen würde? Glaube mir, Jeder würde sein ganzes Vermögen, seine Seelenkräfte und sein Herzensblut daran setzen, das Vaterland zu retten und auf dessen Tron den angestammten König, der zu uns gehört, wie wir zu ihm, wieder zurückzuführen. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegenträten, die Alle ein Gefühl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen wäre, wenn es sein muss, rühmlich zu unterliegen, aber nie von seinem platz zu weichen, werdet Ihr dann auch diese besiegen können? Und wird nicht vielleicht diess Gefühl sich aller Länder bemeistern, die Frankreich in Fesseln hält? Und wäre es dann nicht möglich, dass der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwände und Ihr Eure alte Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lächeln, lass uns nicht über Politik sprechen, ich darf Deine Aeusserungen nicht anhören, die nur Dich verderben können, ohne uns im Mindesten