So, sind Franzosen in der Nähe? rief der Graf, indem er aufsprang. Nein, keine Franzosen, Preussen sind es, keuchte der Arzt. Nun, sagte der Graf, dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu fürchten.
Nichts zu fürchten? jammerte der Arzt; hätten Sie nur die Reden gehört, die sie geführt haben; der Herr Prediger trieb mich hieher, damit Sie sich, wo möglich, entfernen möchten, um nicht den Wirkungen der Verläumdungen zu unterliegen.
Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, zog dann hastig die Klingel und beschied Dübois eilig zu sich. Guter Dübois, redete er ihn an, ich weiss, ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen, gehen Sie zum Kapitain St. Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zurück, welche Unruhe auch hier entstehen mag; sagen Sie ihm, diess sei mein ausdrücklicher Wille, und bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm.
Wir erwarten hier jeden Augenblick preussische Truppen, fuhr er fort, als er sah, dass der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete; tun Sie ja, was ich Ihnen auftrage, und weichen Sie auf keinen Fall davon ab. Er hatte den Grafen n o c h nie so in Bewegung gesehen; eben wollte dieser die Frauen bitten, sich zurück zu ziehen, als eine Eskadron in den Hof sprengte, den Führer an ihrer Spitze. Die Gräfin erschrak, ihr fielen die verbreiteten Gerüchte ein, und sie sah an des Grafen Anordnungen, dass er Unannehmlichkeiten erwartete; sie stützte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge, die da kommen würden. Emilie war blass, sie ahnete dunkel, die Gräuel des Krieges würden nun hier beginnen. Der Arzt hatte sich entfernen wollen, doch ein blick auf die Gräfin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen; seine Seele kämpfte offenbar mit einem grossen Entschlusse; auf einmal schien dieser Entschluss gefasst, er trocknete den Schweiss von seinem Gesicht ab, blieb und erwartete das ungeheure Schicksal, das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen musste. Das Klirren der Sporen und des nachschleppenden Säbels im Vorsaale wurde vernehmbar, die Türen wurden mit Heftigkeit geöffnet, und herein stürmte ein junger erhitzter Krieger und rief, ohne auf die Frauen zu achten: Wo ist der Herr des Hauses?
Ich bin der Graf Hohental, sagte der Graf, und Sie sind in meiner wohnung.
So sind Sie es also, rief ihm der Rittmeister vor Zorn glühend zu, der sein Vaterland den Feinden verrät, Sie zeigen den Franzosen alle Vorräte an, Sie lassen sie durch alle Schluchten führen, Sie halten die Spione in Ihrem haus verborgen; nun, da Sie so wacker für die Feinde gesorgt haben, so werde ich auch hier wahrlich nicht schonen; die Pferde, die meinen Leuten gefallen sind, müssen hier ersetzt werden; Ihre Hafervorräte nehme ich in Beschlag; meine Leute müssen bewirtet werden, und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich brauche Gewalt.
Der Graf bekämpfte den Zorn, der in ihm aufstieg, und sagte mit scheinbarer Gelassenheit: Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick, meinen Charakter gegen Sie zu verteidigen, ich werde mir Ihren Namen ausbitten, um diess in der Zukunft zu tun; das Unglück der Monarchie fühlen wir Alle gleich schmerzlich, und was das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigentume bedürfen, steht ihnen zu Gebote, desshalb mögen Sie meine Pferde nehmen, wie alle Hafervorräte. Für die Bewirtung der braven Truppen werde ich sorgen, so gut es angeht; was steht weiter zu Ihrem Befehl?
Ich verlange, dass Sie den hier im haus verborgenen Spion ausliefern, sagte der Rittmeister etwas gelassener in Folge des würdigen Benehmens des Grafen.
Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung? fragte der Graf.
Den französischen Offizier, rief hitzig der Rittmeister, der unter dem Vorwande einer Krankheit sich hier im haus aufhält.
Unter dem Vorwande einer Krankheit? rief der Arzt, den der Graf nicht mehr zurück halten konnte; Vorwand nennen Sie seine Krankheit? rief er noch einmal, indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden Augen auf den Rittmeister richtete. Mir hat er sein Leben zu verdanken, aus dem Rachen des Todes habe ich ihn gerissen, setzte er hinzu, und ich werde, ich muss ihn und den Herren Grafen gegen jede Verläumdung verteidigen.
Ich verlange die Auslieferung des Franzosen, rief der Rittmeister, was gehen mich Ihre Narrheiten an?
Narrheiten! schrie aufs Aeusserste beleidigt der Arzt. Gehören Sie zu den Barbaren, die Kunst, Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nennen? Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem Rittmeister so nahe getreten, dass dieser sich von Neuem gereizt fühlte und mit funkelnden Augen dem arzt zurief: Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe, wenn ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll.
Der Graf warf einen glühenden blick auf den Offizier, und indem er den Arzt mit der augenblicklichen grossen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob, sagte er: Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen, so lange ich lebe; über meinen Leichnam geht der Weg, um meine Hausgenossen zu beleidigen.
In dem Augenblicke, als der Offizier etwas Heftiges erwiedern wollte, wurde die tür geöffnet; ein alter Wachtmeister zeigte sich, der dem Rittmeister eifrig winkte; dieser schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gespräch mit dem Wachtmeister eilig