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, eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger, mit St. Julien diess zu tun, weil dieser durch seine persönliche Liebenswürdigkeit ihn ganz für sich einnahm, ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons, weil der junge Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte. Für Dübois, der mehr wie ein Mitglied der Familie, als wie ein Diener derselben betrachtet wurde, empfand der Obrist bald die achtung, die sein Charakter jedermann einflösste, der ihn näher kennen lernte, und als die Gräfin sich sogar entschloss, zuweilen teil an einer Partie L'Hombre zu nehmen, welches der Obrist mit grossem Vergnügen spielte, so heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung völlig auf, und er sagte einige Mal seiner Tochter: Ich würde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glücklich leben, wenn sie nicht die Schwachheit hätten, dem Prediger alle Ungezogenheiten nachzusehen; selbst der alte verständige Dübois muss zuweilen recht an sich halten, wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt, ja, ich glaube, wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte, dass die Gräfin den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann, er würde sogar mit seiner Pfeife in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt, wer weiss, was geschehen könnte, wenn nicht zum Glücke der Narr, der Doktor, da wäre, zu dem er gehen und rauchen kann.

Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen, Terese hatte sich vom überstandenen Kummer erholt, ihre Wangen röteten sich, ihre Augen gewannen ihr eigentümliches Feuer wieder, und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb, so konnte sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lächeln. Alle Fähigkeiten, die in ihrer Seele geschlummert hatten, begannen sich zu entwickeln, so dass Emilie über die Fortschritte erstaunte, die ihre junge Freundin machte, und beide sich immer inniger an einander anschlossen. Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rührung, wie herrlich sich die Schönheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten, da der Druck der Armut von diesem teuern haupt genommen war. Er schloss diess geliebte Kind eines Abends in seine arme, und die Augen nach oben gewendet, rief er: Jetzt, Vater im Himmel, kann ich ruhig sterben, da ich mein Kind in Sicherheit weiss! Können Sie mich so kränken, dass Sie vom Sterben sprechen, rief Terese weinend, nun, da ich hoffe, dass wir noch viel glückliche Tage mit einander leben werden? Das wollen wir auch, mein Kind, sagte der Obrist; aber willst Du mir es nicht gönnen, dass ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann, da ich Dich sonst, als Du schutzlos warst, mit Verzweiflung betrachtete. Du kennst nicht das Gefühl eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der fürchten muss, dass er sein Kind hülflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muss. Wenn jetzt der Himmel über mich verfügt, gehst Du zwar weinend, aber nicht verzweifelnd vom grab Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde. Seit ich die Gräfin kenne, bin ich über Dein Schicksal ruhig, und ich werde um so länger leben, schloss er, indem er lächelnd mit den Lokken der Tochter spielte, weil ich mein Ende ruhig abwarten kann.

Es schien, als ob die sorge, welche die Gräfin für Teresens Ausbildung trug, sie selbst manchen Kummer vergessen liess; sie erheiterte sich sichtlich in dem Umgange ihrer Kinder, wie sie beide junge Frauenzimmer nannte. St. Juliens Gesundheit befestigte sich täglich mehr, und der Graf bemerkte oft, er werde schmerzlich die Lücke in seinem Leben fühlen, wenn der endliche Friede den jungen Mann bestimmen würde, nach seiner Heimat zurück zu kehren. Auch der Gräfin war der junge Mann sehr lieb geworden, und nur noch zuweilen kehrte die Bewegung wieder, die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte; wenn er sie unvermutet anredete, oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten, dann schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen, die sie nur mit Anstrengung bekämpfte. In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt, und wenn es auch nicht möglich war, ohne Kummer das unsägliche Elend zu betrachten, welches durch den Krieg über diesen teil von Deutschland gebracht wurde, so gab es doch Stunden, in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab.

In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend d a s Schloss verlassen; die jungen Leute hatten sich verabredet, Götes Tasso den folgenden Abend zu lesen. Die Gräfin hatte dem Obristen versprochen, wenn es sein könnte, seine l'Hombre-Partie so einzurichten, dass nicht der Geistliche sein Mitspieler sein müsse. Er freut sich zu gemein, versicherte der Obrist, wenn er ein gutes Spiel hat, spielt die Karten auf bäurische Weise aus, macht sehr schlechten Witz dabei und hält sich desshalb für einen liebenswürdigen Spieler; gewiss, wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gänzlich von der leidenschaft für das Spiel heilen wollte, man brauchte es nur zu zwingen, täglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen. Die Gräfin scherzte beim Frühstück eben darüber, dass der Doktor, den sie anstatt des Geistlichen zum Mitspieler bestimmte, den Obristen nicht besser befriedigen würde, als man den Galopp eines Pferdes hörte, und gleich darauf der Arzt atemlos mit glühenden Wangen und mit Schweiss bedeckt in den Saal stürmte. Was gibt es? rief ihm der Graf bestürzt entgegen. Wir sind verloren! rief der Arzt, das Schloss wird gleich von Soldaten besetzt werden.