1836_Bernardi_007_49.txt

schönen Mund und sie küsste schweigend die Hand des Vaters, die noch in der ihren ruhte. Beide fühlten, dass sie sich ohne Worte verstanden, denn jetzt erinnerte sich Terese an Alles, was sie und ihr Vater früher über die Gräfin gehört hatten, und zwar aus einem mund, dessen Tönen die schöne Terese nicht ohne Parteilichkeit gelauscht hatte.

Der junge Graf Hohental nämlich, ein Verwandter des Grafen, war in dem haus des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden. So lange das Regiment, bei welchem er als Rittmeister diente, in der Nähe stand, hatte der junge Mann keine gelegenheit versäumt, sich dem Obristen zu nähern, und die gleichen Ansichten über viele Verhältnisse des Lebens, der gleiche Hass gegen Frankreich, hatte sie bald in Freunde verwandelt, so weit die Verschiedenheit des Alters diess erlaubte. Bei der Vertraulichkeit, die sich auf solche Weise gebildet hatte, geschah es, dass der Rittmeister zuweilen seine Familienverhältnisse berührte und sich dann jedes Mal mit grosser Bitterkeit über die Gräfin äusserte. Er hatte von ihr behauptet, dass sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden habe, der im unrechtmässigen Besitze des ganzen Vermögens der Familie sei, und dass sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte; desshalb habe sie ihren Gemahl bestimmt, sich immer in der Ferne aufzuhalten, und ob er gleich ohne Kinder sei, habe sie ihn doch dazu vermocht, dass er niemals das Geringste für die dürftigen Mitglieder der Familie getan habe; eben so hatte er oftmals ihres unmässigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens, wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet würden; ja, er hatte erwähnt, dass sie einen unversöhnlichen Hass gegen ihren einzigen Bruder trüge und sich auch niemals die kleinste Annäherung habe gefallen lassen, so viele Versuche dieser Bruder auch gemacht habe, dem diese Familienzwiste höchst schmerzlich wären. Der Rittmeister hatte zwar niemals gelegenheit gehabt, die Gräfin kennen zu lernen, aber da er alle Nachrichten über ihren Charakter von seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.

Diese Erinnerungen waren es, welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken stimmten, und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschliessen, sich fertig zu machen, um einen Besuch abzustatten, der so peinlich auf ihr Gefühl wirken konnte. Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Ratschläge erteilen, wie sie bei dem vermutlich sehr stolzen Empfange der Gräfin sich zu betragen habe, als Beider Aufmerksamkeit von diesem gegenstand abgezogen wurde durch das lustige Geläute von Schellen, wodurch sich annähernde Schlitten ankündigten. Sie traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung, dass zwei Schlitten durch das kleine Tal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem haus hielten. Ein Herr sprang aus dem einen, und sie erkannten sogleich den Grafen, der zweien Damen die Hand bot, und alle drei waren bald eingetreten, um den Obristen und seine Tochter zu begrüssen. Der Graf umarmte den Obristen und sagte, indem er freundlich dessen Hand schüttelte: meine Gemahlin wollte sich selbst überzeugen, ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt, und zugleich meine Nichte mit ihrer künftigen Freundin bekannt machen. Der Obrist konnte nicht sogleich Worte finden, er hatte sich die Gräfin durchaus anders gedacht; er fand keine Spur von Härte und Stolz, sie behandelte ihn mit der Wärme und achtung, wie man einen alten Freund der Familie empfängt; sie drängte ihm nicht das Gefühl ihrer Wohltat durch ein zu ängstliches fragen auf, ob Alles seinen Wünschen entspreche, sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gespräch über frühere zeiten, über den König Friedrich den Zweiten, für den sie seine Verehrung aufrichtig teilte, und hatte so bald jede Spannung aufgehoben, die erst die Gesellschaft zu drücken schien.

Emilie hatte bald den Weg zu Teresens Herzen gefunden; Beide hatten, ohne den Genuss des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin, einsam gelebt, und Beide verlangten daher zu sehnlich danach, sich diesen Genuss zu verschaffen, als dass sie aus Zurückhaltung lange hätten einander fremd bleiben können. Es war leicht zu bemerken, dass Terese manche Kenntniss nicht hatte, die Emilie besass; auch nicht die zierlichen arbeiten der Frauen aus den höheren Ständen waren ihr bekannt, denn sie hatte in ihrer drückenden Lage nicht einmal gelegenheit gehabt, sie zu sehen, noch weniger die Mittel, sich das Material zu verschaffen, um solche artige Spielereien zu verfertigen. Ja, sie gestand, dass sie auch das Wenige, was sie von Musik verstanden, vergessen habe, weil das Instrument schon lange verkauft sei, und dass sie auch allen Mut zur Musik verloren hätte, und es ihr eine Sünde würde geschienen haben, die stimme zum Gesange zu erheben, so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte. Beide junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet, was sie mit einander treiben und lernen wollten. Die Gräfin und der Obrist waren über die meisten Gegenstände ihrer Unterhaltung derselben Meinung, der Graf konnte nun, ohne Furcht, seinen alten Freund zu verletzen, noch alle nötigen Anordnungen treffen, und Terese sah sich, noch ehe ihre neuen Freunde schieden, an der Spitze einer unabhängigen kleinen Haushaltung, wodurch ihr die Freude gewährt wurde, mit kindlicher Liebe selbst für die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit ihres geliebten Vaters sorgen zu können.

Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloss. Man las, man machte Musik, man tauschte seine Meinungen gegen einander aus, und der alte Obrist machte, obwohl er alle Franzosen hasste, doch von jeher mit jedem einzelnen, den er kennen lernte