jüngeren Kräfte in Anspruch zu nehmen, und würde ich Dich nicht kränken, wenn ich hülfe und Dienstleistungen von Dir zurückwiese, oder in diesen Zeichen Deiner Liebe aus misstrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit fände?
O Gott! rief Emilie. Warum, fuhr die Gräfin fort, willst Du mich denn kränken und die Zeichen meiner Liebe missverstehen? Vergeben Sie mir nur, wiederholte Emilie. Die Gräfin küsste sie zärtlich und sagte dann mit Güte scherzend: Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurückgekehrt ist, so mache nun, dass die Spuren der Tränen aus den Augen verschwinden, damit nicht St. Juliens ängstliche Blicke fragen, welch ein Unheil Dir widerfahren ist; zwar in dessen Brust hättest Du gestern vielleicht ein gleichfühlendes Herz gefunden, er hat viel von Deiner Empfindlichkeit.
Sie spotten meiner mit Recht, sagte Emilie errötend. Nein, im Ernst, erwiderte die Gräfin lächelnd, ich wollte auch nicht, dass der Graf Dich um die Ursache Deiner Tränen fragte, Du würdest doch ein wenig um die Antwort verlegen sein.
Die Vereinigung der Gemüter wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen befestigt und inniger als je, wie es nach jeder kleinen Störung geschah.
Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer, dass sie eine Nacht in Kummer und Tränen hingebracht, und damit gewissermassen die besten Menschen angeklagt hatte; und die Gräfin beschloss, die Bitterkeit nie wieder in sich aufkommen zu lassen, die, wie sie sah, so nachteilig auf diejenigen wirkte, die sie am zärtlichsten liebte. Sie beschloss zu vergessen, was eine lange Vergangenheit Schmerzliches entielt, und dieser Vorsatz wurde in demselben Augenblicke gestört, denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal. Der Anblick des jungen Mannes, der heiter lächelnd die Frauen begrüsste, schien in der Gräfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus längst verflossener Zeit hervorzurufen, und nur mit Mühe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung einstimmen, der heute die kleine Gesellschaft belebte.
Nach dem Frühstück eilte Jeder die nötigen Anordnungen zu treffen, um dem Obristen Talheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen. Der Graf sendete die erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel, um den alten Mann gegen die Kälte zu schützen. Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit für seine Tochter. Die Gräfin sorgte nun dafür, dass die nötigen Möbel nach dem eine halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden, und Dübois wurde von ihr beauftragt, Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen; er war, wie immer, so auch hier der Vertraute der Gräfin und kannte also die Lage des Obristen; daher hiess ihn sein natürliches edles Gefühl Alles vermeiden, was bei der neuen Einrichtung als prächtig hätte auffallen können, weil er wohl wusste, dass das Gemüt dessen, der Unterstützung bedarf, dadurch schmerzlich verwundet wird, wenn die Unterstützung den Anschein von Prahlerei gewinnt; eben so sorgfältig vermied er den Anschein von Vernachlässigung, und es mangelte bald in dem freundlichen haus nichts, was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer Familie erforderlich ist. Emilie fuhr selbst mit hinüber, und ordnete die Wäsche und Kleider in den Schränken, und es wurde beschlossen, dass Dübois die Ankommenden diesen Abend erwarten sollte. Die Zimmer waren behaglich erwärmt, ein anmutiger Wohlgeruch schwebte durch alle, denn Dübois hatte nicht versäumt, sie mit feinem Räucherwerk zu durchräuchern; ja selbst mehrere blühende Staudengewächse hatte er aus den Treibhäusern des Grafen hinüber geschafft, trotz der Schwierigkeit, sie auf dem Wege gegen die Kälte zu schützen, um damit das Zimmer zu schmücken, welches er für die Tochter des Obristen bestimmte. Endlich war Alles bereit; auch für ein einfaches Abendessen war gesorgt, und der Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer, um jedes einzeln zu betrachten, als der Wagen vorfuhr. Schnell eilte er, seiner Schuldigkeit gemäss den Obristen an der tür des Hauses zu empfangen, und schien die wehmütige Verlegenheit nicht zu bemerken, die Vater und Tochter ergriff, als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte, und sie nun beide in höchst ärmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmückten Zimmer standen. Früher, als nötig gewesen wäre, liess Dübois das Abendessen anrichten, um die Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen, die nicht recht wussten, wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Mut hatten, sich als die Bewohner des Hauses zu fühlen. Das Abendessen ging still vorüber und wurde in der Spannung, in der sich Alle befanden, kaum berührt; nur als Dübois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten mann entgegen duftete, konnte er sich nicht entalten, mit einiger Begierde das Glas zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu schlürfen; die Wärme des Weins durchdrang seine Glieder und teilte ihm jene Ermattung mit, die man beinah eine wollüstige Empfindung nennen könnte; er liess es daher ohne Widerrede geschehen, dass der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer führte, welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte, und machte keine Einwendungen dagegen, dass Dübois für diesen Abend das Geschäft eines Kammerdieners übernahm. Er wollte, als er zu Bett gebracht war, noch Manches denken und in seiner Seele ordnen, aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen scheuchte alle Gedanken zurück. Er dehnte sich mit wehmütigem Entzücken auf seinem bequemen Lager aus, er fühlte die glänzend weissen feinen Betttücher und die seidne Decke mit den Fingern an, er wollte sein heutiges Lager mit dem gestrigen vergleichen, aber Gedanken und Gefühle gingen in dem seligen Vergessen unter,