sichtbar bestürzt über den Bericht des Arztes, und Emilie brach in Tränen und Klagen aus. Ist es möglich! rief sie, dass eine Handlung der Menschenliebe absichtlich so verkannt wird; wäre es glaublich, wenn wir es aus der Ferne vernähmen, dass eine so unschuldige Sache so böslich gedeutet werden kann? Ist es nicht höchst schmerzlich, dass Menschen so feindselig gesinnt sein können? Wie glücklich bist Du, liebe Emilie, sagte die Gräfin mit bitterem Lächeln, dass solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen; Du ehrst und liebst noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens; glaube mir, setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, man bedarf grosser eigner Tugend, um, wenn man die Menschen kennt, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Gott lasse mich niemals Erfahrungen machen, rief Emilie mit Lebhaftigkeit, die mich zu solchen Betrachtungen zwängen. Amen! sagte die Gräfin mit Ernst, von ganzem Herzen stimme ich diesem Wunsche bei; glaube mir, fuhr sie mit Güte fort, man erkauft solche Einsichten sehr teuer und fühlt sich nicht glücklicher durch die erlangte Weisheit. Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig; auch fühle ich mich kaum durch die Bosheit, die darin entalten ist, verletzt, obgleich die Verläumdung einen der edelsten Menschen trifft; nur erfüllt es mich mit Sorgen, wenn ich bedenke, wie nächteilig dergleichen Gerüchte dem Grafen werden können.
Nachteil, sagte der Arzt, kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen, denn alle Menschen in der Schenke wurden über die Sache aufgeklärt und werden gewiss auch Andere belehren; wenn der schwarze Bösewicht mit seinen Verläumdungen sich noch ferner hervorwagen sollte, mit Feuereifer wird man ihm widersprechen.
Daran zweifle ich, sagte die Gräfin lächelnd, vielmehr steht zu befürchten, dass man die ganze Geschichtserzählung des Baron Löbau in solchem Falle vergessen wird, oder wenn man sich seiner auch erinnert, so wird er selbst als ein halber Mitschuldiger erscheinen, wie die erhitzten Gemüter jeden so betrachten werden, der es übernimmt, den Grafen zu verteidigen, und diess wird natürlich Jedermann zum Schweigen bewegen.
Mich nicht, rief der Arzt mit höchster Lebhaftigkeit, mich nicht, und wenn es mir das Leben kostet, so werde ich Jedermann zeigen, wie schändlich und wie wahnsinnig eine solche Behauptung ist; auf mich kann der Herr Graf zählen. Wie ernstaft der Gegenstand auch war, über den man sich besprach, so zwang die komische Heftigkeit des Arztes der Gräfin dennoch ein Lächeln ab, und sie erwiderte ihm in halb scherzhaftem Tone: ich zweifle an Ihrer Treue keinesweges, und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verläugnete in der Stunde der Gefahr, und uns diess deutlich die Schwäche des menschlichen Herzens zeigt, so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen. Mit Empfindlichkeit versetzte der Arzt, man werde vielleicht noch einmal gelegenheit haben, die Bemerkung zu machen, dass er nicht vergeblich die Kenntniss der grössten Tugenden aus griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe, es könne wohl noch kommen, dass man ihm das zeugnis geben müsste, dass er sie auch auszuüben verstände. Er richtete, indem er diess sagte, seine kleinen blitzenden Augen scharf auf die Gräfin, die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat, St. Julien die Sache zu verschweigen, um ihn nicht unnütz zu beunruhigen, und es ihr zu überlassen, dem Grafen die nötige Mitteilung zu machen. Der Arzt hatte kaum jene Worte gesprochen, als er auch schon heftig erschrak über die gefährliche Kühnheit, zu der ihn, wie er glaubte, sein lebhaftes Gemüt hingerissen hätte, und eben so sehr war er nun erstaunt, dass die Gräfin seine beabsichtigte Beleidigung gar nicht zu bemerken schien; um so bereitwilliger daher war er, das verlangte Versprechen zu geben. Man hatte während dieser gespräche die augenblickliche sorge für die Sicherheit des Grafen vergessen; man hatte nicht so ängstlich auf jeden Hufschlag gelauscht, so dass ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen bewillkommnete, als er von seinem späten Ritte heimkehrend die Gesellschaft vermehrte. Man sah es an der ungewöhnlichen Heiterkeit, mit welcher der Graf die Frauen begrüsste, dass er mit dem verflossenen Tage zufrieden war; sehr behaglich fühlte er sich am Teetische im warmen, erleuchteten Zimmer nach dem beschwerlichen Wege in Kälte und Dunkelheit. Wir waren recht besorgt um Sie, sagte Emilie, da Sie so lange ausblieben. Ich hielt mich beim Prediger auf, versetzte der Graf, aber wo ist St. Julien? Ich dachte ihn bei Euch, meine Lieben, zu finden; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch? Kann es mir begegnen, rief der Arzt, indem er sich heftig vor die Stirn schlug, dass ich meine Pflicht versäume, dass ich meine Kranken nicht gehörig besuche? Mit diesen Worten wollte er zum Zimmer hinausstürmen und stiess auf St. Julien, der eben eintreten wollte. Kaum vermochte er es, die Frauen und den Grafen zu begrüssen, so eilfertig bemächtigte sich der Arzt seiner, um sich in einen Strom von Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergiessen, die St. Julien eine Zeitlang befremdet anhörte, ehe er begriff, was der Arzt eigentlich wollte; als er ihn endlich verstand, beruhigte er ihn mit der Versicherung, dass er sich lange nicht so wohl gefühlt habe, als am heutigen Abend, und dass Dübois den nötigen Verband ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe. Doch konnten diese tröstenden Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben, die der Arzt mit sich selber empfand. Ich