und vermochte nicht die Tränen zurück zu halten, die nun in reichen Strömen über seine gefurchten Wangen flossen; sein Auge richtete sich nach oben, und mühsam erhob er auch die zitternden, gefalteten hände; die Lippen bewegten sich stumm, wie es schien, zum inbrünstigen Danke. Die Tochter flog herbei und warf sich mit Ungestüm vor den Vater nieder; sie umarmte mit Heftigkeit seine Knie, aber auch sie vermochte nicht zu reden. Der Greis blickte auf sein Kind nieder, er streckte eine Hand nach ihr aus, die aber kraftlos auf die schönen, braunen Locken des zierlichen Köpfchens herabsank; der blick der Liebe erstarb, den er auf die Tochter richten wollte; sein Auge schloss sich und er sank zurück wie in die arme des Todes. Der Graf hob erschrocken die Tochter vom Boden auf, die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte; Beide bemühten sich den entkräfteten Greis ins Leben zurück zu rufen. Terese hatte ein Glas kaltes wasser geholt als einziges Stärkungsmittel, das im haus vorhanden war; man besprützte den Obristen damit, man rieb ihm die Schläfe, bis er endlich zur grössten Beruhigung des Grafen die Augen wieder öffnete, denn dieser fing im Ernst an zu fürchten, dass er nicht wieder atmen würde.
Der entkräftete Greis blickte lächelnd bald seine Tochter, bald den Grafen an, und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu können. Der Graf, der seine grösste Ermattung bemerkte, fürchtete noch immer für ihn und führte ihn mit hülfe der Tochter zu seinem ärmlichen Lager. Der Obrist liess es geschehen, ohne zu fragen und ohne sich zu sträuben, und ein wohltätiger, erquickender Schlummer schloss aufs Neue seine von Tränen feuchten Augen.
Der Graf fühlte sich wunderbar bewegt; er blickte auf den schlafenden Greis, auf die seitwärts stehende Tochter; das ärmliche Gemach, die dürftige Kleidung der Bewohner, Alles drückte höchsten Mangel aus, und dennoch schien ein so lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen raum verbreitet zu sein, dass der Graf sich unendlich wohl darin fühlte. Er setzte sich selbst auf den Lehnsessel des Alten nieder, eine behagliche Wärme fing an sich im Zimmer zu verbreiten, und man hörte das Feuer im Ofen knistern; die zankende Magd war nämlich, halb von Reue, halb von Neugierde angetrieben, zurückgekehrt, und hatte das nötige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezündet.
Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter, unfreundlicher Witterung zurückgelegt, er fühlte sich selbst ein wenig entkräftet, und als er auf seine Uhr blickte, musste er sich überzeugen, dass er nicht, wie er gehofft hatte, zur Mittagstafel zurück nach Hohental reiten könnte. Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen Bitte, diesen Mittag ihr Gast sein zu dürfen, und bereuete die Bitte, sobald er sie ausgesprochen hatte. Er fühlte mit Beschämung, dass auch für ihn, wie für alle Reiche, selbst dann wenn sie die Brüder den drükkendsten Mangel leiden sehen, die Armut etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei. Seine unbesonnene Bitte setzte die arme Terese in die peinlichste Verlegenheit; sie, die sich gern vor ihm niedergeworfen hätte, um ihn wie ein himmlisches hülfreiches Wesen zu verehren, die gern die hände mit dankbaren Tränen gebadet hätte, die so reichen Segen über ihres Vaters letzte Lebensjahre verbreiten wollten, und nur durch weibliche Scheu zurückgehalten wurde, hatte nun nichts, wusste nun nichts, was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte. Eine dunkle Röte überflog ihr Gesicht, sie verbeugte sich schüchtern und wollte zur Tür hinausschlüpfen; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke des Wortwechsels, den er gehört hatte, als er das Haus betrat, und folgte ihr auf dem fuss. Die zänkische Magd stand am Heerde in der Küche, auf dem ein helles Feuer brannte. Der Graf befahl ihr mit ernster stimme, das Mittagsessen für die Familie zu bereiten, indem er ihr zugleich versicherte, dass gleich nach Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl, als alle rückständigen Auslagen berichtigen würde. Terese erriet aus dieser Anordnung, dass der Graf mit der Unverschämteit der Magd bekannt sei, und indem ihre Tränen von Neuem flossen, wusste sie selbst nicht, ob aus erhöhter Dankbarkeit oder Beschämung.
Als beide nach dem kleinen Zimmer zurückkehrten, war der Obrist nach kurzem Schlummer sehr gestärkt erwacht, und der Graf konnte mit ihm alle nötigen Verabredungen wegen seiner künftigen Einrichtung treffen; er strengte sich an, mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschläge des Grafen einzugehen, weil dieser bemüht war, jeden Schein der Wohltat zu entfernen und die Sache wie ein Geschäft zwischen Freunden zu behandeln; indessen hörte man es seiner stimme an, dass er die Rührung nur mit Gewalt unterdrückte; endlich aber, als der Graf die Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte, die seine rückständige Pension betrug, und noch einmal den Obristen bat, sie so lange von ihm zu empfangen, bis die zeiten wieder ruhiger würden, wo sie ihm unfehlbar von den Behörden wieder ausgezahlt werden müsse, konnte der Greis sich nicht zurückhalten, er schloss mit leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die arme und rief: O! Du echter Sohn Deines Vaters, Du wahrer Erbe seines Herzens, ich bin ja nicht so hoffährtig, dass ich es nicht erkennen sollte, wir armen bedrängten Menschen bedürfen einer des andern, ich bin ja nicht so roh, dass ich Deine Milde nicht erkennen sollte