Holz stand unter dem Fenster, ein Lehnstuhl von gleichem Werte daneben; diese Dinge nebst einem stuhl machten den ganzen Hausrat aus. In dem Lehnsessel am Fenster sass ein langer, hagerer alter Mann, dessen Körper eine sehr abgetragene Uniform als Bekleidung dienen musste, in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen hatten, dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schläfe hingen, dessen blasse Lippen sich fest, fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt deuteten, die er sich antat, um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen. Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel. Es war der Obrist Talheim, der, indem er den Grafen mit Kälte begrüsste, und ihn fragend und verwundert betrachtete, zu erwarten schien, dass dieser so kurz als möglich die Ursache aussprechen würde, die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe. Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt; Ich weiss nicht, fing er nach einigen Augenblicken an, ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere, die Sie früher für meinen Vater hatten. Ich bin der Graf Hohental.
Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete, dass der Graf weiter reden würde. Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gütern lebe, fuhr der Graf fort, und es erfahren habe, dass Sie sich in meiner Nähe aufhalten, so eilte ich Ihre wohnung aufzusuchen, um wo möglich die Freundschaft, welche Sie für meinen Vater hatten, auch für mich in Anspruch zu nehmen.
Sehr verbunden, sagte der Obrist, indem er sich abermals verbeugte. Der Graf, von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt, fuhr nach einer kleinen Pause fort: Ich beklage nur, dass ich Ihren Aufentalt so spät erfahren habe, eben in dem Augenblicke, da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen.
Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte der Obrist mit bitterem Lächeln. Er schwieg einen Augenblick, und die blassen Wangen röteten sich nach und nach, er suchte seine innere Wallung zu bekämpfen und fing seine Rede mit scheinbarer Gelassenheit an, die ihn nach und nach verliess, bis er endlich dem lange unterdrückten Schmerz die volle Gewalt über sich einräumen musste.
Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte er noch einmal, indem er einen zornigen blick auf den Grafen richtete. Es ist unmöglich, fuhr er fort, dass Ihnen meine Lage unbekannt ist; wesshalb wollen Sie meiner spotten? Ich habe mich von den Menschen zurückgezogen, ich habe ihnen meinen Jammer verborgen, weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen, noch ihn um einen zu teuern Preis erkaufen, ich habe mit meinem armen kind nach und nach Alles entbehren gelernt, was uns Gewohnheit teuer machte, ja endlich auch, was das Bedürfniss heischte; uns blieb nichts mehr, um uns zu erwärmen, wir haben kaum noch ein Mittel uns zu sättigen, und morgen wird meinem grauen Scheitel und ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt; dann fasse ich die Hand meines Kindes und führe sie hinaus, dem stürmenden Winterwinde entgegen und versuche, ob es mein Herz leichter erträgt, sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen anzuflehen, ihr ein elendes Leben zu fristen. Die stimme des Obristen wurde ungewiss, indem er die letzten Worte sprach; man sah, dass er die Tränen niederkämpfte, aber schnell gefasst fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort: Da ich mein Elend nicht mehr verbergen kann, so habe ich es Ihnen mit wenigen Worten ganz gezeigt. Sie sehen nun, ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen will; was können Sie mir noch zu sagen haben? setzte er mit weicherer stimme hinzu, als er die Rührung des Grafen bemerkte.
Ich muss mich selber tadeln, erwiderte dieser, dass ich nicht den rechten Ton gefunden habe, Ihnen meine Teilnahme zu zeigen. Ich hörte allerdings von Ihrer Lage und ich kam, Ihnen den Beistand anzubieten, den ich dem Freunde meines Vaters schuldig zu sein glaube.
Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an; es schien, als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben, die sich im Herzen anfing zu regen. Terese, die in Verzweiflung still geweint hatte, hob den nassen blick verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf, der eilig fortfuhr, um Beide zu beruhigen. Er eröffnete dem Obristen, dass ein Meierhof ganz nahe beim schloss Hohental unbewohnt sei, weil die Pachtzeit des vorigen Pächters geendigt wäre, und in diesen stürmischen zeiten sich kein anderer gefunden habe. Er bot diesen dem Obristen zum Aufentalt an, und, fügte er hinzu, da ich weiss, dass Ihre Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist, dass Ihre Pension in den letzten zeiten nicht ist ausgezahlt worden, so erlauben Sie mir, diese kleine Summe für meinen König auszulegen; es ist das Geringste, setzte er schnell hinzu, was ein treuer Untertan zu tun verpflichtet ist; ich werde diese Auslagen in der Zukunft gewiss zurück erhalten, und man wird mir noch danken, dass ich einen verdienten Krieger dadurch aus unwürdigen Verlegenheiten befreit habe.
Der Obrist, der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Mut dem schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen, fühlte nun seine Sehnen erschlaffen; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten Kräfte auf einmal verlassen, wenn der Schmerz selbst von uns weicht, so machte ihn das Gefühl der Erlösung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos; er sank auf seinen Lehnsessel zurück