und Stock vergass, und der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken musste.
Fahre nur so schnell Du kannst, flüsterte Lorenz dem Bauern zu, indem er die tür seines Wagens zuband, nach der Schenke, nach Krumbach, ich bin ganz schwach geworden und brauche eine Stärkung. Der Bauer war gern dazu bereit, und so schnell das lahme Pferd es vermochte, verliess der ehemalige Kastellan das Schloss, mit dem Vorsatze, es nie wieder zu betreten.
Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber, aber äusserst missmütig und niedergeschlagen gefunden; er gab sich Mühe ihn zu zerstreuen und sing an ihm mancherlei aus seinem Leben, von seinen wunderbaren Schicksalen zu erzählen. St. Julien achtete aber nicht darauf; er erbot sich, dem verwundeten Officier die merkwürdige Krankengeschichte eines Schneiders vorzulesen, die in der neuesten medicinischen Zeitschrift entalten sei, und war erstaunt, als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat. Er griff zu seinem lezten Hülfsmittel und bot ihm an, eine Partie Schach mit ihm zu spielen, aber auch dieser Versuch missglückte, denn der junge Mann versicherte, er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen. Was soll ich denn aber dann mit Ihnen anfangen? sagte der Arzt, Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit Ihrer Schwermut. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal, sagte der Kranke verdrüsslich. Das geht nicht, rief der Arzt, das wäre gegen meine Pflicht; ich muss Alles tun, um Sie wieder herzustellen, und Sie hindern durch Ihre Traurigkeit die Genesung. Ich bin nicht traurig, versicherte St. Julien mit einem tiefen Seufzer, ich fühle mich nur schwach, und wünsche Ruhe und Einsamkeit.
Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte, den Kranken auf seine Weise zu erheitern, die sämmtlich missglückt waren, musste er ihn endlich, wie er sagte, seinem Eigensinne überlassen, weil er noch andere Kranke zu besuchen habe, denen er seinen Beistand auch nicht entziehen dürfe. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger Heftigkeit, ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehändigt, und ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe.
Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen, antwortete Dübois, und kann ihn auch jetzt nicht sprechen, da er sich mit dem Herrn Pfarrer in sein Kabinet verschlossen hat; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde ihm noch vor Tische Ihr Schreiben übergeben. St. Julien musste mit dieser Antwort zufrieden sein, und Dübois sah es mit Betrübniss, dass er sich in düstere Träumereien versenkte. Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem Kranken anzuknüpfen; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete, so überliess er ihn endlich seiner düstern Laune und ging, um im Vorzimmer des Grafen zu warten, damit er diesem, sobald seine Geschäfte mit dem Geistlichen beendigt wären, den Brief überreichen könne, an dessen Absendung dem jungen mann so viel zu liegen schien.
Der Graf hatte die Urkunde aus den Händen des Pfarrers erhalten, und da dieser selbst so viel Freude darüber zeigte, das Geschäft glücklich beendigt zu sehen und den Grafen von dieser sorge befreit zu haben, so gewann er in den Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr, als er durch seine kurze und unhöfliche Art zu schreiben verloren hatte, und der Graf beschloss von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehörig zu würdigen, ohne sich durch die unangenehme Art, wie sie sich zu erkennen gaben, stören zu lassen. Er entschloss sich also, ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser Sache ferner zu erbitten. Er teilte ihm den Wunsch mit, die Familien-Verhältnisse des Verwandten, der sich zu so unwürdigen Schritten hatte verleiten lassen, genauer zu kennen, um beurteilen zu können, ob eigene Bedrängniss ihn verleitet habe, oder ob er bloss durch Habsucht bestimmt worden sei. Im letzteren Falle, schloss der Graf, habe ich den Vorsatz, jedes verhältnis mit ihm zu vermeiden, im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage, da ich keine Kinder habe, Manches zu tun, was uns näher bringen und vielleicht uns beide beruhigen würde.
Es war dem Pfarrer nicht entgangen, dass der Graf seufzend die Bemerkung gemacht hatte, dass er keine Kinder habe, und er glaubte seine Vermutung bestätigt zu finden, dass er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glücklich lebte. Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete sich ihm, in Kurzem genaue Nachrichten über die Lage seines Verwandten zu verschaffen. Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders, als höchst willkommen sein, denn bei seiner Neigung, aller Menschen Angelegenheiten zu erforschen, störte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens, und er konnte sich nicht abläugnen, dass eine solche Neugierde eines Geistlichen völlig unwürdig sei, also war es ihm alle Mal eine grosse Beruhigung, wenn er seiner Neigung folgend, sich zugleich sagen durfte, dass er aus Menschenliebe handle, dass er durch seine Nachforschungen Frieden stiften, kurz, etwas Löbliches erreichen wolle. Beide verliessen also, sehr mit einander zufrieden, das Kabinet des Grafen und fanden, als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben wollten, im Vorgemache Dübois wartend, der mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des jungen Mannes bekannt machte. Der Graf faltete ein wenig verdrüsslich die Stirn und sagte: Ich werde den Brief nachher lesen, weil es Herr St