Frauen vor, sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Gräfin aber weigerte sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, dass sie das Drückendste mit ihm weit leichter, als die Ungewissheit in der Ferne ertragen würde.
Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war ihm ein Bedürfniss, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber für seine Pflicht, ihr die Wahl zu überlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm teilen wollte. Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wünschen gemäss entschied. Dass Emilie blieb, war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin, denn diese war ihre einzige Stütze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel teurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.
Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach über mancherlei Vorsichtsmassregeln, die anzuwenden wären; man entschloss sich, den grössten teil des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werte zu verbergen, um den bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen, denn man erwartete nichts Anderes, als Raub und Plünderung, von den feindlichen Truppen.
Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch liess sie nur wenig von der heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, teils, weil sie nicht für kindisch gehalten werden wollte, teils, weil sie besorgte, die Gräfin möchte sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie ihre Unruhe bemerkte. Während solcher trüben Gedanken und gespräche war es spät geworden, als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten sich dem Zimmer näherte, und ganz erhitzt eintrat.
Nach den ersten flüchtigen Begrüssungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das Unglück schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in ihren Händen.
Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre Augen ängstlich auf den Arzt.
Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiderte der Doktor Lindbrecht, da kam ein Verwalter aus der Nähe, ich weiss nicht, wie das Gut heisst, ich habe mich auch nicht darum bekümmert, wie der schlechte Mensch heisst, kurz, der kam von einer Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Mühe der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er hätte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum haus hinaus, als wenn ihn der böse Feind vertriebe.
Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, dass die Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin beleidigen?
Nicht desswegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des armen Menschen Willen, den ich hier im haus wieder herzustellen suche.
Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er ihn, wusste er etwas von seinen Verhältnissen?
Nichts wusste der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lügen, Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.
Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung. Denken Sie, rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen, er kannte mich nicht, er wusste nicht, wer ich bin, und hatte desshalb die Frechheit, in meiner Gegenwart zu erzählen, bei Ihnen hier auf dem schloss würde ein französischer Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden alle Nachricht zukommen liesse, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben zu bringen.
Die Behauptung ist lächerlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schändlich ist sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der in einem so elenden Zustande war, dass er Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied rühren konnte, der soll ein Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen, sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Kräfte anwende, um einen Menschen dem Rachen des Todes zu entreissen, werde dafür als ein Landesverräter betrachtet.
geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels; vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es wäre aber gut, fügte er hinzu, wenn Sie Herren St. Julien dergleichen verschwiegen, es könnte ihn aufreizen, kränken.
Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich für so roh and unwissend? Jede Kränkung muss ihm schaden, und bei seiner Jugend muss man sich doppelt hüten. Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen, uns keinen Schaden zufügen und das Schloss verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist. Sorgfältig muss ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken bringen könnte. Ich will