Zustand, in welchem sie, wie es schien, ihr Vertrauen einem jungen mann entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen; Dübois sah verlegen vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt über den seltsamen Empfang.
Die Gräfin fühlte, dass sie sich hatte überwältigen lassen, und gewann, wie immer, bald die herrschaft über ihre Empfindungen, so dass sie nach kurzem Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St. Julien wendete, ihm ihre Teilnahme an dem Unglück bezeugte, das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte, und ihre Freude darüber äusserte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine Lage erheischte, und fragte höchst gütig, ob ihm seine Kräfte erlaubten, Anteil an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, dass die Gräfin von Neuem ein wenig zusammenschreckte, als sie seine stimme wieder hörte, mit der er sich die erlaubnis ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Teetisch zu rücken, den der Kranke einnehmen musste. Sie richtete oft das Wort an ihn, um, wie es schien, sich an den Klang seiner stimme zu gewöhnen, und forderte dann nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien nicht mehr gereizt würde zu sprechen, was ihm doch schädlich sein könnte.
Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber, als sie sich heute nicht in ihr Betragen finden konnte; hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so dass sie wusste, wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde, so würde sie sich nicht haben entalten können zu glauben, dass die Gräfin einen vorteilhaften Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche. St. Julien war anfangs verstimmt und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Gräfin ihre Bekanntschaft eröffnet hatte; doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so wie durch die Güte, welche sie gegen ihn äusserte, ein Wohlwollen in seiner Brust erregt wurde, über das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklären bemühte. Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt, dass er Emilien, die sich überdies nicht in die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nähern, die schlanke, edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Fülle der glänzenden, schönen blonden Haare zu bewundern, die teils in Flechten aufgesteckt waren, teils in Locken den zarten, weissen Nacken umspielten; sie öffnete die frischen, roten Lippen, und der Ton ihrer stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit rührender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, dass sie sich während des Gesanges verschönte; ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der Höhe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestört dem Genuss an der Musik, die sie vortrug, überlassen; darum glühte das Gefühl, das ihre Töne auszudrücken strebten, während des Gesangs in ihren Augen; das Entzücken spielte um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röte die zarten Wangen.
St. Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet. Die lieblichen Melodien, die ihren Lippen entströmten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut ihrer blauen Augen schien sich heisser in den dunkeln Sternen der seinigen zu wiederholen, bis die zärtlichen Accorde ein wehmütiges Gefühl hervorriefen, und er unvermutet eine Träne im Auge fühlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze schimmern sah.
Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschämt durch eine zu grosse Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er während des Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin, um zu erfahren, ob er von ihr beobachtet würde, doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren, und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die Musik fühlen und lieben, gewöhnlich schwer wird, nach den himmlischen Tönen, die eine schöne stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen.
Auf dem gesicht der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie drückte die Hand ihrer jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich schnell ab, um die Rührung zu verbergen, zu der sie sich durch die Zärtlichkeit der Gräfin bewegt fühlte. gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse Entschlossenheit aus, keinem Unglück, wenigstens im Aeussern, unterliegen zu wollen, und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblikken aber, wenn sie sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien, dann schwand Kälte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern Himmel, hinweg, und Liebe, Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und spielten als wehmütiges Lächeln um den schönen Mund. In solchen Augenblicken schien sie viel älter zu sein, als in ihrem gewöhnlichen Zustande, und doch auch zugleich viel schöner. Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam,