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Als Dübois wieder allein war, liess er den Grafen zu sich bitten und ihm sagen, er wünsche ihn allein zu sprechen. Der Graf eilte auf die Bitte des Kranken herbei und fand ihn ohne Fieber; der Glanz der Augen war erloschen und die nach unten gedehnten Gesichtszüge des Greises deuteten auf sein nahes Ende. Ich wünsche meine letzten Worte an Sie zu richten, sagte er zu dem Eintretenden mit schwacher stimme.

Sie können sich wieder erholen, lieber Dübois, sagte der Graf nicht ohne Bewegung.

Das denken Sie selbst nicht, erwiderte der Kranke mit schwachem Lächeln, und ich bin zur Reise gerüstet in unser ewiges Vaterland. Ich habe meine Sünden gebeichtet, und ich hoffe, Gott wird mir die Schwachheit vergeben, dass ich den Prediger in Hohental niemals leiden mochte und selbst in der Ferne nur mit Widerwillen an ihn dachte, denn sein dreistes fragen ohne Schonung und achtung, sein feindliches, schneidendes Absprechen und sein hochfahrendes Wesen gegen Niedere entschuldigt einigermassen diese Abneigung, und öffentlich angefeindet habe ich ihn nie; ich habe nur dem nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, was Sie seine guten Eigenschaften nannten. Der Graf musste wehmütig lächeln, dass der alte Mann noch im tod nicht die Abneigung gegen den Prediger überwinden konnte, die er gegen ihn empfunden hatte, so lange er ihn kannte. Doch was reden wir von ihm, fuhr der Kranke fort. Sie wissen es, Herr Graf, ich habe immer die jakobinische Gleichmacherei verabscheut und auf Erden mit Ehrerbietung den Rang anerkannt, worin der Herr die Menschen hat lassen geboren werden; aber vor Gott, sagt unser Herr und Heiland Jesus Christus, sind wir alle gleich, und nur unsere Tugenden werden dort gewogen. Bald werde ich vor Gottes Tron stehen, ich kann mich schon als abgeschieden von der Erde betrachten. So gönnen Sie es mir, nun noch vor meinem Hinscheiden Ihre Hand wie die Hand eines Freundes in der meinigen zu fühlen, nicht wie die des herablassenden Heren in der des durch seine Gunst beglückten Dieners, und vergönnen Sie mir die Ehrfurcht bei Seite zu setzen, die ich Ihnen immer bewiesen, wie es meine Pflicht war, so lange ich dem Leben angehörte, und lassen Sie mich die Liebe unverhohlen zeigen, die ich für Sie und die Ihrigen hegte. Wie ein Vater habe ich die Gräfin geliebt, besonders seit ihrem Unglück, aber ich will ihre weiche Seele schonen, darum bringen Sie ihr meinen Abschied und meinen Segen. Sagen Sie ihr, mein irdischer Dienst sei geendet, aber ich stürbe in der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, am Trone Gottes für Sie alle zu beten, und nehmen Sie die Schrift, die unter meinem Hauptkissen verborgen ist. Sie entält meinen letzten Willen; versprechen Sie mir dafür zu sorgen, dass er erfüllt wird. Der Graf nahm die Schrift, wie es der Greis verlangte, und sagte, indem er die erkaltende Hand fasste und innig drückte: Es soll alles erfüllt werden, was Sie verordnen, würdiger alter Freund. Sie wissen selbst, fuhr er mit Bewegung fort, wir alle haben Sie wie einen Vater geliebt; Sie bestanden darauf, sich einen Diener zu nennen, wir haben Sie wie einen Freund geehrt, Sie wissen es, guter Dübois, wir hegten keine anderen Gefühle für Sie.

Mit mildem Lächeln neigte der Alte bejahend das Haupt, und es schien dem Grafen, als ob er dadurch in eine unbequeme Lage geraten sei und desshalb schwerer atmete. Er richtete ihn also sanft in seinen Armen empor, um diese Lage zu verbessern. Ein blick unendlicher Liebe lohnte ihm aus den erlöschenden Augen; und als der Graf das würdige Haupt des Greises auf die Kissen zurück lehnte, war das Leben entflohen.

Mit der frommen Empfindung eines liebenden Sohnes drückte der Graf die erstarrten Augen zu und wehrte seinen Tränen nicht, die auf das erkaltete Antlitz niederflossen.

Ist denn dieser Hauch das Leben? fragte er sich. Muss diess Herz nun in Staub zerfallen, das so eben noch liebend für mich schlug? Wohin ist der Geist entflohen, der noch so eben seine Gedanken mir mitteilte? Das Auge ist starr und eingesunken, das so wohlwollend auf alle Menschen blickte, und unempfindlich ist die Hand, die vor wenig Augenblicken den Druck der Liebe erwiderte. O, welche Welt von Empfindungen schloss diese nun erstarrte Hülle in sich! Wie quälend, wie entzückend und wie nichtig ist das Leben!

Der Graf ermannte sich. Er traf die nötigen Anordnungen für die Leiche und ging, um seiner Familie den Verlust bekannt zu machen, der sie eben betroffen. Alle zollten dem würdigen Greise Tränen, aber natürlich war es auch, dass der Schmerz mild war bei dem sanften Ende eines Greises, der das höchste Lebensziel erreicht hatte.

Nach der Beerdigung öffnete der Graf in Gegenwart einer Gerichtsperson das Testament des Verstorbenen, und alle Mitglieder der Familie wurden von Neuem zu Tränen bewegt, als es sich ergab, dass der dahin geschiedene Greis auch hierin noch sein liebevolles Gemüt auf das Rührendste geoffenbart hatte. Alle Ersparnisse eines langen Lebens, alle Geschenke, die er in der letzten Zeit mit kindischer Freude empfangen hatte, waren zusammengehäuft, und er ernannte den Grafen Adalbert Evremont zum Universalerben dieses kleinen Schatzes und stellte es seiner Grossmut anheim, Gustav Torfeld und dem Knaben Francois ein Geschenk daraus zuzuwenden, wobei sie sich in der Zukunft des Verstorbenen erinnern könnten.

Evremont ehrte das Andenken und den Willen des Greises, und nahm dessen Vermächtniss für seinen