Französische legte, bewirkte, dass Adalbert seine grossen Augen mit einer Art von Ehrfurcht auf den so Bezeichneten richtete, die sich jedoch bald verlor, als der Angekommene sein Schulgenosse, sein Spielgefährte und sein Aufwärter zugleich wurde, und in keinem dieser Verhältnisse die achtung aus den Augen setzte, die dem jungen Grafen gebührte, eine Sache, worauf Dübois streng hielt, denn er behauptete, das künftige Glück seines Zöglings beruhe darauf, dass er seine herrschaft mit einem religiösen Gefühl verehre, denn alsdann würde es ihm nicht möglich sein, seine Pflichten anders als mit Ergebenheit und strenger Rechtlichkeit zu erfüllen, und wie sehr eine edle herrschaft diess anerkenne, lehre sein eigenes Beispiel.
Dübois hatte den heftigen Wunsch befriedigen wollen, sein altes, geliebtes Frankreich wiederzusehen, was vielleicht nie so da gewesen war, wie seine liebende sehnsucht in der Ferne es sich gedacht hatte, und kehrte, in seiner Erwartung getäuscht, zu seinen wohlwollenden Freunden zurück, die er seine Gebieter nannte. Aber das Frankreich seiner Einbildung hegte er immer noch mit gleicher Liebe in seiner Seele und hoffte mit Zuversicht, dass es als höchste Vollendung menschlicher Einrichtungen sichtbar auf Erden erscheinen würde, wenn die Gemüter sich nur erst völlig von den Erschütterungen erholt haben würden, die die vielen Veränderungen veranlasst hätten. Der Graf bestätigte seine Meinung in so weit, dass er die Ansicht aussprach, es sei unmöglich, dass so viel Blut vergeblich geflossen sei, und dass nicht endlich die Früchte aller gebrachten Opfer die Welt mit ihrem Segen erfreuen sollten.
So ging das Leben nun einen gleichmässigen und stillen gang fort. Dübois machte es zu seiner Hauptbeschäftigung, Adalbert zu vergnügen und dabei für die Reinheit seiner Aussprache des Französischen zu wachen. Es erfreute ihn, dass Evremont französisches Obst pflanzte, und sein Auge entzückte jede seltene Pflanze, die der Graf aus Frankreich erhielt, weil sie ja früher in dem geliebten vaterländischen Boden gewurzelt hatte. Die Freunde scherzten jetzt zuweilen über die sonderbare Richtung, die der Charakter des alten Mannes nahm, denn es schien sich eine Neigung zum Geize zu offenbaren, die Niemand in seiner Seele geahnet hatte, denn ihn erfreute sichtlich nichts so sehr, als immer neue Geldsummen zusammen zu bringen, und man gab auch dieser Schwäche nach, und Jeder schenkte ihm bei allen Gelegenheiten baares Geld, das in dem Greise die höchste Freude erregte, obgleich Jedermann überzeugt war, dass er es zu gar nichts benutzen könne.
Auf diese Weise war ein Jahr seit der Ankunft des Alten verstrichen, und Evremont beschäftigte sich an einem schönen Frühlingsmorgen mit seinem Sohne im Pavillon des Gartens, als der französische Knabe mit erhitzten Wangen und in Tränen schwimmenden Augen eilig eintrat. Was gibt es, Francois? fragte Evremont bestürzt.
Ach Gott! gnädiger Herr Graf, sagte der Knabe, der alte Herr Dübois ist so rot im Gesicht und spricht so seltsam. Schnell erhob sich Evremont und eilte mit seinem Sohne, der sich ihm an die Hand hängte, in Dübois Gemach. Der Greis lehnte sich auf die Kissen seines Lagers; seine Augen glänzten unnatürlich und seine Wangen brannten in dunkler Röte. Wie geht es Ihnen, guter Dübois? redete Evremont ihn an. Der Alte erhob den glänzenden blick zu ihm und streckte die brennende, zitternde Hand ihm entgegen. Da sind Sie ja, gnädiger Herr, sagte er lächelnd aus keuchender Brust, und o Gott! ich Sünder habe in so schrecklichen Träumen gelitten, wahrhaft sträfliche Träume, fuhr er flüsternd fort. Ich bildete mir ein, Ihr edles Haupt – nein es ist gegen die Ehrfurcht, das Bild eines so freventlichen, schrecklichen Traumes durch Worte in's Leben zu rufen – aber bei Gott! ich sah in einer entsetzlichen Stunde Ihr edles Blut fliessen, und diess furchtbare Bild hat meine Sinne verwirrt, dass ich alter Tor in Verzweiflung Ihr Ende beweinte.
Evremont wendete sich mit Schmerz ab, denn er wusste, der Kranke redete im Fieber von seinem Vater, für den er ihn in diesem Augenblicke hielt.
Dübois, sagte Adalbert klagend, was sprichst Du denn für wunderliche Worte, Niemand kann ja begreifen, was Du meinst.
Ach! sagte der Kranke freudig, da ist ja auch der kleine Graf Adolph! Wie sich der Mensch doch unnütz quälen kann! Den hielt ich für verloren und wagte diess der unglücklichen Mutter erst gar nicht zu sagen, die durch den schrecklichen Tod des Gemahls ganz verwirrt war, und der lange weder Vernunft noch Religion Trost gewähren konnte. Nun Gottlob! nun wird ja alles Leiden aufhören.
Ja wohl, seufzte Evremont; ich fürchte, für Dich endet alles irdische Leid wie alle irdische Freude. Er liess Diener bei dem Greise zurück und ging nun eilig einen Arzt herbei zu schaffen, der auch bald erschien und mit Achselzucken bemerkte, dass das schwache Fieber des Alten leicht gehoben werden könne, dass er aber das höchste Ziel des menschlichen Lebens erreicht habe und desshalb schwerlich von diesem Krankenlager wieder erstehen werde. Diese Nachricht verbreitete allgemeine Trauer in der gräflichen Familie. Wie es der Arzt vorhergesagt hatte, wich das Fieber den angewendeten Mitteln leicht und der Kranke begehrte, völlig zur Besinnung gekommen, einen katolischen Priester, um zu beichten und die letzten Sakramente seiner Kirche zu empfangen. Die Gräfin hatte diesen Wunsch vorausgesehen, und der Geistliche war schon im haus. Er konnte sich also auf den ersten Wunsch des Kranken sogleich zu ihm verfügen und verliess ihn nach einer Stunde, wahrhaft erbaut von der reinen Frömmigkeit des sterbenden Greises.