Strassen nicht nach seiner wohnung zurückgefunden haben würde, und im Fahren überlegte er, was sich für Francesko tun liesse, denn ihm selbst irgend eine Unterstützung anzubieten und so sein Gefühl auf's Tiefste zu verletzen, vermochte er nicht. Er dachte an den General Clairmont und eilte noch denselben Morgen zu ihm, um ihm seine Wünsche vorzutragen, die der alte Freund seines Vaters gern zu erfüllen bereit war, dem er nur sagte, dass er sich eben erst nach einer langen Zwistigkeit mit Francesko versöhnt habe und ihm desshalb nicht selbst hülfe anbieten möge.
Es kommt nur darauf an, sagte der General, dass ich, ohne dass es auffällt, mit Lamberti zusammentreffen kann; das Uebrige wird sich machen, denn wenn ich auch selbst jetzt nicht dienen mag, so denken doch nicht alle ehemalige Kameraden wie ich, und ich habe unter den jetzigen Machtabern Freunde genug, die einen armen verstümmelten Krieger ehrenvoll anzustellen vermögen, und wenn Ihre Gabe durchaus verschwiegen bleiben soll, so steht es mir doch frei, eine Summe hinzuzufügen, damit ich mich nicht gänzlich mit fremden Federn schmücke.
Eine gelegenheit mit Francesko zusammen zu treffen, ohne ihn aufsuchen zu müssen, bot sich schon des andern Tages dar. Das in Paris neu gewordene Schauspiel der Einkleidung einer Nonne lockte viele teils andächtige, teils neugierige Zuschauer nach der Kirche, wo die Ceremonie Statt fand. Unter den letzteren war der General Clairmont mit Evremont, und unter den ersteren Lamberti und die ihn begleitende Lucretia, die sich aufrichtig an der Handlung erbauten. Evremont hatte dem General den bleichen, abgezehrten Lamberti gezeigt, und als Jedermann die Kirche verliess, wurde dieser freundlich von dem General angeredet, der ihm auf die ungezwungenste Weise darüber Vorwürfe machte, dass er einen alten Kriegsgefährten nicht aufgesucht habe. Er forderte ihn auf, diess wieder gut zu machen und gleich diesen Mittag bei ihm zu speisen, und als der Angeredete zögerte diese Einladung anzunehmen, sagte er: Sie werden Niemanden bei mir finden als Ihren Freund, den Obristen; wir wollen uns ohne Zwang der vergangenen Tage erinnern. Er reichte ihm hierauf eine Karte mit seiner Adresse und sagte: Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen. Verwirrt verbeugte sich Francesko und nahm so die unerwartete Einladung an.
Bei der Tafel konnte der General leicht das Gespräch auf die vielen Veränderungen, die jetzt in allen Zweigen der Staatsverwaltung vorfielen, wenden, und mit Geschicklichkeit erforschte er, wohin sich die Wünsche seines Gastes richteten, und sagte endlich: Ich zweifle gar nicht, dass ich Ihnen eine solche Anstellung werde verschaffen können. Nach der Tafel führte er ihn in sein Kabinet und zwang ihm eine Summe Geldes auf, die die ersten Einsichtungen erfordern würden und die er ihm in späteren zeiten wiedererstatten könne. Mit freundlicher Gewalt setzte der General diess durch und duldete weder Ablehnen, noch Widerspruch. Was ist es denn Grosses, sagte er, ein verabschiedeter Krieger steht dem andern bei, das ist in der Ordnung. Als Beide in den Saal zurückkehrten, wo sie Evremont gelassen hatten, trat Lamberti zu diesem, der sich an ein Fenster lehnte, und sagte: Ich verdanke Dir auch diess alles, ich weiss es wohl, der General ist zwanzig Mal an mir vorüber gegangen und hat mich nicht erkannt. Ich weiss wohl, Wer nun die Erinnerung an mich in ihm aufgefrischt hat, und ich ahne, was für einen Zusammenhang es mit seiner Freigebigkeit hat; aber ich habe Deine Vergebung empfangen, Deine Hand hat in der meinen geruht, Du hast mich mit mir selbst versöhnt und mehr als ein Herz vom bittersten Schmerze erlöst. Nach allen diesen grössten Wohltaten, die ein Mensch dem andern erweisen kann, wie sollte ich nun nicht noch die kleinere auch von Dir empfangen können?
Mit sich selbst zufrieden verliess Evremont die wohnung des Generals, und er hatte die Beruhigung, noch ehe er Paris verlassen konnte, zu erfahren, dass es dem alten Freunde seines Vaters in der Tat leicht geworden sei, sein Wort zu erfüllen, denn er hatte Lamberti in wenigen Tagen eine Anstellung verschafft, die ihn mit seiner Familie an die spanische Grenze führte und ihm dort ein anständiges Einkommen sicherte, und da sein Gemüt, von den Schmerzen der Reue geheilt, zum Frieden des Lebens zurückkehrte, so erfuhr Evremont später, dass die ihm so innig ergebene Lucretia ihr Schicksal noch fester mit dem seinen verbunden und ihm nach langer Treue ihre Hand vor dem Altar gereicht hatte.
Endlich war auch Evremonts Geschäft in Paris geendigt. Er hatte seinen Abschied erhalten und eilte mit liebevollem Herzen über den Rhein in die arme seiner ihn sehnsüchtig erwartenden Freunde zurück.
XVI
Mit der höchsten Freude wurde Evremont von seiner Familie begrüsst, die ihn nun erst ganz als den ihrigen betrachtete, da seine Verbindung mit Frankreich aufgelöst war, indess er selbst über diesen Grund der Freude seufzte, denn ihn schmerzte es, dass er Frankreich nicht mehr sein Vaterland nennen sollte; doch ging diese Trauer unter den schönsten Empfindungen des Glücks im Kreise der Seinen bald vorüber, und der Strom des Lebens schien nun einen ruhigen gang zwischen blumigen Ufern nehmen zu wollen und nicht mehr über wilde Klippen zu schäumen. Die Stunden teilten sich zwischen Beschäftigungen und Vergnügungen; Pläne zu kleinen Reisen wurden entworfen, so wie zur Verschönerung der Umgebung, und man gedachte bei diesen friedlichen Beschäftigungen oft des alten Dübois, dessen eigensinnige Entfernung die ganze Familie beklagte. Es sollten nach den Verschönerungsplänen, die der Graf und Evremont entworfen hatten, auf dem