1836_Bernardi_007_252.txt

. Er versicherte durch einen Rechtsgelehrten den Inhalt des uns nachteiligen Testaments zu kennen, worin bestimmt sein sollte, dass, wenn Du, Adolph, ohne Erben stürbest, wir drei Brüder in Deine Rechte treten sollten. Ihr seht also ein, schloss Camillo, dass Adolph sterben muss, so leid es mir auch tut, denn ich würde ihn lieben, wenn sein Dasein nicht das unsere verkümmerte, und ich tödte ihn ohne Hass der Pflicht der Selbstverteidigung gemäss, wie den Feind, der mir im feld gegenüber steht. Ich schauderte vor diesem Vorsatze zurück, doch Antonio, dem künftiger Reichtum lockender als künftige Seligkeit dünkte, ging sogleich darauf ein. Ich warf mich meinen Brüdern zu Füssen. Memme, riefen Beide, Du weisst, was Du geschworen hast, und liessen mich mit der Verzweiflung ringend auf dem Boden liegen. Du kamst, Adolph; arglos liefertest Du Dich Deinen Mördern aus. Meine Brüder bewachten mich. Ich hätte Dir kein Zeichen geben können, wenn ich es auch gewagt hätte, den entsetzlichsten Eid zu verletzen, den je eines Menschen Zunge gesprochen hat. Du fragtest mit Teilnahme nach der Ursache meines blassen, verstörten Aussehens. Meine Brüder gaben Dir die Antwort, dass ein kalter Brief meiner Braut, der nächstens eine förmliche Zurücknahme ihres Wortes erwarten liesse, mich so trübe stimme, und Camillo sagte, mir bedeutend zuwinkend, dass der feurige Wein meine gesunkenen Lebensgeister erheben würde. Du selbst zwangst mit gutmütiger Zudringlichkeit mir mehr Wein auf als gut war, bis sich endlich mein Herz in dem Grade verhärtete, dass ich dachte: Nun, wenn er selbst es nicht besser haben will, so mag es denn sein.

Man hatte auch Dir selbst nur zu viel Wein aufgenötigt, und als wir nun endlich aufbrechen mussten, sassest Du nicht so sicher wie sonst zu Pferde. Der Bauer führte uns, wie Camillo mit ihm verabredet hatte. Man machte Dich glauben, wir schlügen einen kürzeren Weg ein, um nach der Verspätung mit unsern Truppen zur rechten Zeit in dem Versammlungsorte zusammen zu treffen. Wir hatten eine einsame Stelle im wald erreicht. Der Führer verschwand und Camillo gab das verhängnissvolle Zeichen. Wie ein Wütender, mit Tränen in den Augen und Zähneknirschen riss ich Dich von hinten mit der linken Hand vom Pferde; es wurde mir dunkel vor den Augen und in Verzweiflung führte ich Streiche nach Dir, mit denen ich mein eigenes Herz zerfleischte. Ich sah nichts mehr, bis ich Camillos stimme hörte, der rief: Es ist genug, er ist dahin! Ich war betäubt, beinah bewusstlos; meine Brüder fassten die Zügel meines Pferdes und rissen mich hinweg. Später hörte ich, Du seist aufgesprungen und habest Dich auf's Aeusserste verteidigt. Davon habe ich nichts gesehen und es klang mir wie Töne aus weiter Ferne, wie meine Brüder sich unterredeten, Deinen Mut lobten und es beklagten, dass Du uns im Wege habest stehen müssen.

Wir mussten dem Feinde entgegen gehen, und ich hatte nicht Zeit mich den Qualen des Gewissens zu überlassen. Die allererste Kugel, die auf einem Streifzuge der Feind zu uns hinüber sendete, riss mir den linken Arm hinweg, der Dich vom Pferde gerissen hatte. Schleunige hülfe rettete mein Leben, und als ich völlig zur Besinnung gekommen und der Verband gehörig geordnet war, besuchte mich Camillo und sagte: Du bist zum Dienste unbrauchbar geworden, armer Bruder; um so wohltätiger wird Dir nun unseres alten Oheims Vermögen sein. Gedenke stets des mir geleisteten Eides, und da Du nun, wenn Du geheilt bist, nach Frankreich zurückgehst, so kannst Du der witwe unseres Oheims den Tod ihres Sohnes melden. Er teilte mir hierauf das Mährchen mit, das ich der unglücklichen Frau für Wahrheit verkaufen sollte. Ich bat ihn, mich mit diesem Auftrag zu verschonen. Er rief mir den Eid des blinden Gehorsams in's Gedächtniss zurück und sagte zürnend: Ich würde Dich, bebende Memme, nicht zu diesem Geschäft erwählen, wenn es nicht sehr gut wäre, dass die Mutter das Ende ihres Sohnes durch einen von uns erführe, die wir dabei zugegen waren, und Du, fuhr er halb spottend fort, kannst ihr ja sagen, Du habest den Arm in seiner Verteidigung verloren, und die gute Frau wird alle Zeichen Deiner Gewissensqual für zärtliche Teilnahme an dem Geschick ihres Lieblings halten. Er gab mir Deine Uhr und Dein Taschentuch, um es der Mutter einzuhändigen und verliess mich. Noch denselben Abend blieb er in der Schlacht.

Mein fürchterlicher Eid zwang mich trotz seinem tod seinen letzten Befehl zu erfüllen, und nach meiner gänzlichen Heilung, die mich lange in Berlin aufhielt, machte ich mich, von Reue und Gram erfüllt, nach Frankreich auf. Ich übergab Deiner Mutter die Pfänder Deines Todes und erzählte das wohl eingeübte Mährchen. Aber von ihr erfuhr ich zu meiner Freude und zu meiner Bestürzung, dass Du wie durch ein Wunder gerettet lebest und in Sicherheit seist. Hier erfuhr ich auch zufällig, dass wir, wenn auch unsere Gräueltat gelungen wäre, sie doch völlig zwecklos ausgeübt haben würden, denn unser Oheim, mit Recht wider uns aufgebracht, hatte durch sein Testament seiner witwe die einzige Beschränkung in der Verfügung über seinen Nachlass auferlegt, dass er uns durch keinen denkbaren Fall, der eintreten könne, jemals zufallen dürfe.

Ueberzeugt nun, dass Du uns, sobald es die Umstände erlaubten, zu blutiger Rechenschaft ziehen würdest, bereitete ich mein Gemüt auf diesen Augenblick vor, und als