Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen hätten, dass er es wie eine Gnade des himmels betrachten müsse, dass er in diesem furchtbaren Augenblicke so viel kalte überlegung gehabt hätte, einzusehen, dass er diess erkennen nicht verraten dürfe, weil sonst das blanke Eisen, mit dem der junge Bösewicht ihn fortwährend bedroht habe, sich unfehlbar in sein Herz gesenkt haben würde, um ihm den Verrat unmöglich zu machen. Ich will die Gerichte nicht zur Rache anrufen, schloss der Brief, aber nur noch bemerken, dass diejenigen, die sich auf Gefahr meines Lebens einen teil meines Eigentums angemasst haben, nie mehr das Geringste von mir erwarten dürfen und sich also jede Reise zu mir ersparen können, weil ich keine Schlange in meinem Busen erwärmen und keinen Räuber in mein Haus nehmen werde.
Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf, und der Geistliche fand mich in Tränen gebadet, den unglücklichen Brief in der Hand. Er nahm ihn, sah ihn flüchtig durch und warf ihn zu den übrigen in's Feuer. Euer Gatte, sagte er mir dann, hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Sünden empfangen; schadet Euch nun nicht selbst und tut, wie er weislich riet, denn Ihr müsst in Kurzen eine Haussuchung besorgen, da ihn die Obrigkeit auf die Angabe einiger Genossen vielleicht für das Haupt der Räuber halten wird, die die Gebirge unsicher machen, und desshalb ist es gut, wenn nichts gefunden wird, was diese Meinung bestätigen könnte. Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen betäubt, als dass ich diesen Rat hätte befolgen können. Der Geistliche also verbrannte selbst alles noch Uebrige, ohne noch einen blick darauf zu werfen, und eilte mit Lambertis Beerdigung, die so feierlich als möglich vollzogen wurde.
Wenige Tage danach rückten Soldaten, von Gerichtspersonen begleitet, in den Ort unseres Aufentalts ein. Die verlassenen Häuser der Lamberti ergebenen Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige. Da aber gar nichts Verdächtiges gefunden wurde, und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war, der Pfarrer auch die Verwundung Lambertis, die sein Ende herbeigeführt hatte, verschwieg, so entfernte sich alles Drohende bald wieder aus unserem Gesichtskreise.
Aber nicht lange genossen wir die traurige Ruhe, die uns geworden war. Die äussere Stille, in der ich meine Tage durchlebte, wurde durch die ganz Italien erobernden Franzosen unterbrochen, und bei einem kleinen Gefechte wurden mehrere Häuser des Ortes, wo wir lebten, angezündet, und auch unser Haus und unsre Habe wurden ein Raub der Flammen. Der oft wiederholte Schrecken wirkte nachteilig auf meine Gesundheit und die Gicht lähmte meine Glieder. In diesem traurigen Zustande wendete ich mich mit Lucretia nach Florenz, wo sie durch ihre geschickte Arbeit die Kosten unseres Unterhaltes bestritt. Von meinen Söhnen empfingen wir wenig Unterstützung; denn obwohl Herr St. Julien die Grossmut gehabt hatte, ihnen dennoch bei seinem tod eine ansehnliche Summe zu hinterlassen, so hatten doch die älteren Brüder nach ihrer wilden Weise zu leben bald alles, was sie besassen, ausgegeben, dem jüngeren Bruder aber hatten sie keine Rechenschaft darüber abgelegt, und Francesko, der seit des Vaters tod nichts hatte als seinen Gehalt, konnte uns nur spärlich unterstützen.
In dieser Lage der Dinge schwanden die Jahre dahin, bis auch Sie Kriegsdienste nahmen, und das Unglück wollte, dass Sie den Umgang mit meinen Söhnen nur zu eifrig suchten, deren falsche Freundschaftsbezeigungen Ihr argloses Herz verlockten.
Nein! rief Francesko Lamberti, sie war nicht falsch diese Freundschaft. Ich liebte Dich wahrhaft, auch Antonio war Dir ergeben, und selbst Camillo konnte Deinen offenen, wohlwollenden Charakter nicht verkennen. Es ist ein prächtiger Junge, sagte er oft, Schade, dass er so bald sterben muss. Wir lachten über einen solchen Ausspruch, da Du gesund und blühend warst, und die Gefahren des Krieges Dich nicht mehr bedrohten, als uns. Nun, Ihr werdet sehen, sagte dann Camillo in seiner gewöhnlichen herrischen Weise, dass seine Tage gezählt sind.
Endlich nahte jener verhängnissvolle Tag in Schlesien. Wir wussten, Camillo hatte Dich eingeladen, ihn mit uns zu verleben, und wir freuten uns aufrichtig Deiner Gesellschaft. Camillo mietete einen Wegweiser, mit dem er eine lange, ernstafte Unterredung hatte. Nachdem diess alles geschehen war, redete er uns ungewöhnlich ernst und feierlich an, und sagte, er habe von unserm verstorbenen Vater den Auftrag, ein uns zugefügtes grosses Unrecht für uns unschädlich zu machen. Er habe feierlich die Verpflichtung übernommen für das Wohl der Familie zu sorgen, weil der Vater ihn als den, der am Fähigsten dazu sei, erkannt habe; er brauche aber jetzt unsern Beistand, um diess zu vermögen, und er fordere uns auf, ihm in dieser Angelegenheit, die zu unser aller Bestem gereiche, vollkommenen Gehorsam zu leisten. Wir waren es von Kindheit an gewöhnt, unter seiner herrschaft zu stehen, so dass wir diess, ohne uns zu bedenken, versprachen. Er nahm eine Reliquie, die er am Halse trug, hervor und liess uns einen furchtbaren Eid darauf schwören, ihm blind zu gehorchen und, was er befehlen würde, so lange er lebe, selbst in der beichte zu verschweigen. Ich zögerte einen Augenblick, doch das Beispiel Antonios riss mich hin, und wie er, leistete ich den entsetzlichen Eid. Darauf setzte unser Bruder Camillo das vermeintliche Unrecht, das uns unser Oheim St. Julien zugefügt habe, auseinander, und ich weiss nicht, ob er wirklich selbst getäuscht war oder ob er uns täuschen wollte