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welche Hoffnungen, unterbrach sich die Mutter der Lambertis weinend, täuschten damals meine liebende Seele! Ich sah meine Söhne, durch ihren Mut emporgehoben, im geist in hohen kriegerischen Ehren; ich sah meinen Francesko, den Liebling meines Herzens, in bedeutendem Range sich mit der schönen Lucretia verbinden, und sah mich als die glückliche Ahnfrau künftiger Geschlechter. Ja sie war eine Schönheit, fuhr die Alte fort, als sie bemerkte, dass Evremonts blick zu dem still arbeitenden Mädchen hinüberstreifte, der Kummer hat diese Blüte schnell gebrochen, aber sie war damals eine blühende Schönheit.

Evremont bemerkte jetzt erst das griechische Profil und die edlen Formen des Kopfes, wodurch so viele Florintinerinnen ausgezeichnet sind, und die Beschämung, die sie bei Erwähnung ihrer vergangenen Schönheit empfand, zauberte diese auf einen Augenblick zurück, denn die funkelnden, halb niedergeschlagenen Augen, die glühenden Wangen zeigten flüchtig dem Beobachter, was sie in der Blüte der Jugend gewesen sein musste.

Meine Söhne hatten uns verlassen, fuhr die Alte fort, und ich und Lucretia lebten sehr einsam, denn Lamberti war oft abwesend und kehrte nicht immer so heiter zurück wie früher, ja es entfuhren ihm zuweilen Klagen über die Nichtswürdigkeit feiger Schurken, die ihre Zunge bei dem Anblicke des Todes nicht fesseln könnten und ihre Freunde, denen sie Treue gelobt, dadurch in Gefahr brächten. Zugleich bemerkte ich, dass viele von unsern Nachbarn ihren Wohnort verliessen, indem sie behaupteten, sie könnten anderswo auf eine vorteilhaftere Art sich ansiedeln. Auch Lamberti äusserte oft, es würde ihm in den Gebirgen zu einsam, er wolle nach Florenz oder nach Mailand ziehen, um so mehr, da er vom Kirchenstaate ausgehende Verfolgungen auch hier zu befürchten habe. Um die Zeit hatte er erfahren, dass Herr St. Julien geheiratet und einen Sohn seiner Gemahlin aus erster Ehe adoptirt habe, dem er sein ganzes Vermögen zuwenden wolle. Diese Nachricht versetzte ihn in unglaubliche Wut und er fluchte dem Verwandten, der seine rechtmässigen Erben auszuschliessen dächte. Ich machte ihn vergeblich darauf aufmerksam, dass unsere Verwandschaft mit Herrn St. Julien so entfernt sei, dass sie kaum diesen Namen verdiene, und wenn wir auch ganz nahe Verwandte wären, so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermögens und könne es zuwenden, Wem er wolle. Ich hoffe, erwiderte Lamberti, Camillo wird Mittel für alles diess finden. Um ihn zu besänftigen sagte ich, der gute alte Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen, dass er sie gewiss nicht übergehen wird, wenn er auch sein Hauptvermögen seinem adoptirten Sohne zuwendet.

O! diese reichen Bürger, antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit, entziehen dem alles Wohlwollen, der ein wenig dreist von ihrem Ueberfluss fordert. Aber wir sind Herrn St. Julien ja nie zur Last gefallen, bemerkte ich.

Sprich nicht über Dinge, die Du nicht beurteilen kannst, sagte Lamberti rauh und verliess mich, um an Camillo zu schreiben, der schon Officier geworden war und gemeldet hatte, dass auch seine Brüder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu erwarten hätten.

Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte, verliess er mich, um wieder eine seiner gewöhnlichen Reisen anzutreten, die mich, ich konnte mir nicht erklären wesshalb, zu beunruhigen anfingen, und ich blieb mit Lucretia ganz allein. Nach einigen Tagen in der Dämmerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner mit einem kleinen mit Maultieren bespannten Wagen vor unserer Tür, und als wir heraustraten, sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis. Er hemmte durch einen Wink den Schrei, der unsern Lippen entfliehen wollte.

Macht keinen unnützen Lärm, sagte er leise, helft mir in's Haus. Der Fuhrmann stand uns bei, den Schwerverwundeten hineinzutragen, und als wir ihn auf's Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten, eilte, ohne ein Wort weiter zu sprechen, der Fuhrmann mit seinem Wagen davon.

Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Tränen, und ich wollte einen Wundarzt rufen.

Lass das, sagte Lamberti, es ist überflüssig, ich fühle, ich sterbe, lass mir, Lucretia, unsern Pater rufen. Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen, und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf, nachdem er mich vorher dringend ermahnt hatte, alle Papiere, die ich finden würde, zu verbrennen, weil sie mir zu nichts helfen, sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein Andenken Schande häufen könnten. Ich versprach diess, aber im Schmerze über das Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran, bis mich der Geistliche ernstaft erinnerte, den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen. Ich ging also an diess Geschäft, während der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung Nötige besorgten, und als ich die Papiere verbrennen wollte, belehrte mich ein zufälliger blick darauf, dass diese Briefe sämmtlich in Zeichen geschrieben waren, die ich nicht zu enträtseln verstand. Ein einziger italienisch geschriebener Brief fiel mir in die hände. Er war von Herrn St. Julien, und das zärtliche Andenken, das ich dem wohlwollenden mann bewahrt hatte, vermochte mich einen blick darauf zu werfen. Gleich nach den ersten Worten, die ich las, war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt. Dieser Brief war kurz nach Herrn St. Juliens Besuch bei uns, nach seiner Rückkehr in sein Vaterland, an Lamberti gerichtet. Er schrieb ihm darin, dass er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl die Räuber erkannt habe, die ihm im Einverständnisse mit dem Postillon sein Geld und seine Juwelen in der