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wenn die Schrift ohne gerichtliche hülfe herbeigeschafft wird.

Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr Pfarrer, wie wehe tun Sie mir altem, hüflosem mann. Sie wollen Schande auf mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist vor funfzig Jahren, das muss noch jetzt darin sein, aber der Graf weiss nicht Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen, ungestört, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin ich überzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen, dass Sie mir altem mann Unrecht getan haben. Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, dass der Graf diess billigen wird, Sie können also die Nacht hier bleiben, und Morgen können wir nach dem schloss, und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.

Nein, nein! rief der Alte ängstlich, das ist nicht möglich, ich muss heute Abend nach haus, aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein dringendes Geschäft.

Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan beendigen musste, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden; er liess ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen erneuert waren, dass nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde.

VIII

Einige Tage waren verflossen, seitdem Dübois der Gräfin die wenigen, unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke besserte sich fortwährend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu können. Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin, dass es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem haus zu bezeigen. Sein Begehren liess sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu verletzen, und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn wieder zu sehen.

Das verhältnis zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung, die beide näher rückte, höchst freundschaftlich geworden; die Gräfin war gegen ihre junge Freundin liebreich und vertraulich; sie tat sich nicht mehr den Zwang an, mit ihr gleichgültige oder geistreiche gespräche zu führen, wenn trübe Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte ihre Teilnahme offen zeigen, statt dass sie sonst zu ihrer eigenen Qual in solche gespräche einstimmen musste.

Beide Frauen sassen im Teezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen hatte, um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren, wohin ihn der Baron Löbau dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet. Das Dringende der Einladung des baron liess deutlich merken, dass etwas Wichtigeres, als eine freundschaftliche sehnsucht sie veranlasst hatte, und St. Julien wurde von der Gräfin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befürchtete, dass sie sich bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wünschte, würde beherrschen können.

Endlich öffnete sich die tür, und langsam näherte sich der junge Mann, den einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister stützend. Sein bleiches Gesicht, die eigefallenen Wangen, die gesenkten Augenlieder, die kaum geröteten Lippen zeigten von grosser Ermattung; aber indem er zu sprechen begann, glühte in den dunkeln Augen, die er auf die Gräfin richtete, ein tiefes Gefühl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher Anmut, und der Wohllaut der schönsten männlichen stimme schien erschütternd auf die Gräfin zu wirken. Es währte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen vermochte, und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten schien. Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Güte, aber grosser Anstrengung, die ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: "Ich weiss, Sie sprechen deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie würden mich verbinden, wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten." St. Julien verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit war eine Minute sichtbar auf seinem gesicht, er konnte nicht voraussetzen, dass die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm musste es auffallen, dass sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefühl, das er sich auszudrücken bemüht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich muss es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, dass meine Landsleute sich Ihnen so verhasst gemacht zu haben scheinen, dass ihre Sprache Ihnen selbst im mund dessen unerträglich ist, dem Sie so viele Güte erwiesen haben.

Es ist nicht das, sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie, mich nicht zu verkennen; es knüpfen sich für mich an diess Land und diese Sprache so viele süsse, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, dass ich das Land nicht wieder sehen könnte, die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem mund nicht vernehmen möchte. Mit grosser Bestürzung sah Emilie die Gräfin an, deren Wangen wie im Fieber glühten, und deren zitternde stimme von der Bewegung der Seele zeugte. Bei der grössten Zurückhaltung, die die Gräfin gegen Jedermann beobachtete, so dass sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals ihrer jungen Freundin öffnete, musste der