zärtlichste Neigung verband. Um die Zeit kurz vor der französischen Revolution suchte uns in unserer entlegenen Ortschaft ein Herr St. Julien auf, der in Handelsgeschäften eine Reise nach Italien gemacht hatte, und da ihm in Frankreich keine Verwandten lebten, suchte er diese weitläuftigen Vettern auf, die mit ihm durch seine Mutter, eine Italienerin und geborne Lamberti, im entfernten Grade verwandt waren. Er freute sich der kräftigen Jugend meiner Söhne und wollte ihren Vater bestimmen, ihm einen zu überlassen, der die Handlung bei ihm lernen und nach seinem tod seine Geschäfte fortsetzen könne.
Mit seltsamem Lächeln antwortete Lamberti auf diesen gütigen Vorschlag, dass er ihm selbst einen Sohn nach Paris bringen werde, und dass er hoffe, er werde sich noch vorher von dessen Brauchbarkeit überzeugen. Der gute Herr St. Julien machte uns allen vor seiner Abreise bedeutende Geschenke, denn er hatte grosse Summen und viele Juwelen bei sich.
Es war nichts Auffallendes darin, als Lamberti eine Stunde nach der Abreise des Herrn St. Julien ebenfalls aufbrach und diess Mal seinen Lieblingssohn Camillo mit sich nahm, denn er hatte verschiedene Male gegen mich geäussert, dass ein Geschäft, welches ihm grossen Gewinn verspräche, dringend seine Abwesenheit fordere, und dass er seine Abreise nur verschiebe, um einen geehrten Verwandten nicht früher zu verlassen, als bis dieser gesonnen sei seine Reise fortzusetzen.
Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kam Lamberti ungemein heiter und mein Sohn Camillo in ausgelassener Fröhlichkeit zurück. Mein Gatte sagte mir, da seine Geschäfte sich weit über seine Erwartung zu seinem Vorteile gewendet, so habe er mir ein bedeutendes Geschenk mitbringen wollen, und überreichte mir bei diesen Worten einen kostbaren Ring, den ich im ersten Augenblicke mit Freuden, im zweiten mit Entsetzen betrachtete. Gott! rief ich aus, wie kommst Du zu diesem Ringe? Er gehörte ja dem guten Herrn St. Julien. Wie kann diess sein? fragte Lamberti verwirrt, indem er die Farbe veränderte, was indess damals noch keinen Argwohn in mir erregte; woran willst Du diess erkennen? Es ist kein Zweifel, erwiderte ich. Der gute Mann zeigte mir einige Juwelen und mir gefiel die Fassung dieses Ringes ungemein. Ich würde ihn Ihnen zum Andenken schenken, sagte der treffliche Mann, wenn ihn nicht meine Mutter getragen hätte, zu deren Andenken ich ihn bewahre und deren Haar er entält. Er drückte auf diesen kleinen Punkt hier, und siehst Du, fuhr ich fort, wie jetzt hob sich der mittlere Stein, und siehst Du, hier ist das wenige graue Haar eingeschlossen. Nimmermehr hätte er diesen Ring freiwillig weggegeben; er ist gewiss in die hände schändlicher Räuber gefallen und vielleicht gar von ihnen unbarmherzig erschlagen worden.
Warum nicht gar, sagte Lamberti unwillig und setzte gleich darauf ruhig hinzu: Wenn dem aber so ist, wie Du sagst, so muss der Ring zu seinem Eigentümer zurück, an den ich sogleich desshalb schreiben werde. Gebe Gott, dass er lebt, sagte ich weinend, indem mein Gatte das Kleinod aus meinen Händen zurücknahm. Du bist eine Törin, sagte dieser mit Härte zu mir, nicht jeder wird erschlagen, dem die Last des Reichtums etwas erleichtert wird. Er verliess mich hierauf und winkte seinen Sohn Camillo mit sich hinweg, dessen spöttisches Lächeln mir in diesem Augenblicke durch's Herz schnitt. Seit der Zeit stürmte ich oft mit fragen auf Lamberti ein, ob er keine Nachricht von Herrn St. Julien habe, bis er mir endlich mürrisch antwortete: Höre auf mich um des alten Spiessbürgers Willen zu quälen; er lebt gesund und wohl in Frankreich, und ist dort so reich, dass er den kleinen Verlust hier in Italien leicht verschmerzen kann.
Also ward er doch wirklich von Räubern angefallen? rief ich bestürzt.
Das hat ja meine kluge Mutter gleich beim Anblick des schönen Ringes erraten, sagte Camillo lachend, und zu meinem Erstaunen stimmte der Vater in das Gelächter ein. Es war überhaupt seit dieser Zeit eine Veränderung in unserem haus eingetreten. Der Vater gab den Söhnen mit Verschwendung alles, was sie begehrten, um jede törichte leidenschaft der Jugend zu befriedigen, und meine beiden älteren Söhne überliessen sich allen Ausschweifungen, wozu die Jugend nur zu geneigt ist, und vielleicht wurde von ähnlichen Vergehen Francesko nur durch die Liebe zu meiner sanften Lucretia zurückgehalten. Dabei brachte der Vater seinen Lieblingssohn Camillo in eine solche Stellung gegen seine Brüder, dass er völlig ihr Herr wurde, und er wusste diese herrschaft durch Klugheit und durch seinen kühnen Geist fortwährend zu behaupten. Auf allen Reisen des Vaters begleitete ihn nur Camillo, und ich bemerkte bald, dass diejenigen Nachbarn, die den Vater zu verehren schienen, dem Sohne beinah die gleiche achtung bewiesen.
Der Strom der französischen Revolution breitete sich auch über andere Länder aus, und meine Söhne sowohl als ihr Vater wurden von dem allgemeinen Schwindel ergriffen. Mit Entzücken sah der nun alternde Vater, wie alle seine Söhne die Waffen ergriffen, und rief: Recht, meine Kinder, sucht Euer Glück, wo es jetzt Viele finden, ich bin noch rüstig genug, hier unserm Geschäft allein vorzustehen. Ehe sich meine Söhne mit den republikanischen Truppen vereinigten, zu denen sie nun gehörten, hatte sich Lamberti mit meinem Sohne Camillo lange eingeschlossen, und sie hatten, wie es schien, ernste und wichtige Unterredungen mit einander. Francesko benutzte diese Zeit mir seine Empfindung mitzuteilen, und er und Lucretia legten in meine Hand das Gelübde ab, für das ganze Leben einander anzugehören.
O!