tränenden blick und die zitternden, gefalteten hände zum Himmel erhob, welche Folterqualen Sie von unser aller Herzen nehmen. Da ich weiss, dass mein Sohn Antonio wie ein Christ gestorben ist, so darf ich ja hoffen, dass auch Camillo vielleicht noch diese Gnade Gottes vor seinem Ende gefunden hat, und Francescos Seele wird nun ruhiger werden, und wir werden alle die Trübsale des Lebens geduldiger tragen, und allen diesen Segen bringen Sie in die Hütte der Armen. Es kann für diese Handlung eines wahren, Gott ergebenen Christen die reinste Vergeltung nicht ausbleiben.
Wenn Du glaubst, sagte Evremont, sich an Lamberti wendend, dass ich irgend eine Vergeltung verdiene, so kläre mich darüber auf, was Dich und Deine Brüder so feindlich gegen mich stimmen konnte zu einer Zeit, wo ich mich Euch mit Liebe und jugendlichem Vertrauen ohne Rückhalt hingab, und Ihr mir diese Empfindungen zu erwiedern schient.
Ich will es, rief Lamberti mit einem tiefen Seufzer, ich will Dir die ganze furchtbare Tiefe der menschlichen Seele zeigen, die Liebe und Verbrechen zugleich hegen, und im Gefühle der Freundschaft auf Mord sinnen kann.
Nein, ich will es, sagte die Mutter, ich will Dein Verbrechen nicht beschönigen, aber Du sollst Dich nicht härter anklagen, als es diese Tat allein schon tut. Damit Sie den ganzen Zusammenhang dieser Begebenheit einsehen, fuhr sie zu Evremont gewendet fort, muss ich auf mein eigenes Leben zurückgehen.
Meine Eltern waren arme rechtliche Leute, und wir lebten in einer Vorstadt von Florenz, wo wir dadurch reichlichen Unterhalt fanden, dass ein Jeder bemüht war, so viel seine Kräfte erlaubten zu erwerben. Mein Vater trieb einen kleinen Handel, meine Mutter verstand das Flechten der feinen, so beliebten Strohhüte, und ich selbst war dafür bekannt, die schönsten Blumen auf's Künstlichste nachzubilden. So floss unser Leben ruhig dahin, unsere mässigen Wünsche vermochten wir zu befriedigen und beneideten Niemanden. Ich war ungefähr siebzehn Jahr alt geworden, als ein Herr Lamberti in Florenz erschien und nicht weit von unserer Behausung seine wohnung nahm. Die Nachbaren, die mit ihm in Berührung kamen, konnten seine Freigebigkeit nicht genug rühmen; seine Heiterkeit und gute Laune bezauberte Jedermann, und die Mädchen waren entzückt von seiner schönen stimme und seiner Kunstfertigkeit auf der Guitarre. Das Gerücht verbreitete von ihm, er sei aus dem Römischen und habe sich von dort zurückgezogen, weil, einiger freien Aeusserungen über Religion wegen, er Verfolgungen von der geistlichen Regierung zu erdulden gehabt habe, die ihn so ernstlich bedroht hätten, dass er es vorgezogen, sein Vaterland zu verlassen.
Es währte nicht lange, so suchte er mit meinem Vater in Verbindung zu kommen, der sich in der Gesellschaft des heitern, vielerfahrnen Mannes wohlgefiel, und bald war Herr Lamberti der Freund unseres Hauses, den Jeder schmerzlich vermisste, wenn er einmal eine Stunde über die gewohnte Zeit seines Erscheinens ausblieb. Mir konnte nicht entgehen, dass ich der Magnet war, der ihn herbei zog. Meine Eltern bemerkten es eben so wohl, und da der erfahrne Mann die Neigung wohl erkannte, die er mir einzuflössen gewusst hatte, und von meinen Eltern keine Hindernisse zu besorgen waren, so hielt er um meine Hand an, die ihm mit Freuden bewilligt wurde. In unserer Nachbarschaft wurde mein glänzendes Glück, wie man diese Heirat nannte, mit Neid gepriesen. Ich fühlte mich in der Tat selbst glücklich und hatte nichts dagegen, als mir mein Gatte ankündigte, er habe einen Grundbesitz in einem kleinen Orte in den Appeninen erworben. Ich würde ihm mit Freuden dahin gefolgt sein, wenn nicht der Kummer darüber, dass ich mich von meinen Eltern trennen musste, diese Freude getrübt hätte. In der Tat sah ich sie auch nach dieser Trennung nicht mehr wieder, denn ein bösartiges Nervenfieber raffte im folgenden Jahre Beide hinweg.
In unserem neuen Wohnorte hatte mein Gatte unser Haus für die dasige Gegend kostbar eingerichtet, so dass es den Neid mancher Einwohner erregte, während andere sich uns mit einer Art von Ehrerbietung näherten, und es schmeichelte mir, dass diese sämmtlich meinem Gatten bei allen Gelegenheiten unbedingt zu gehorchen schienen. Zuweilen besuchten uns hier auch Fremde, von denen mir Lamberti sagte, dass es seine Bekannten aus früheren zeiten wären, und die er mir bald als reisende Kaufleute, bald als Officiere nannte. Ich bemerkte wohl, dass sie viele geheime gespräche mit einander führten, aber ich glaubte, es sei die Pflicht einer Frau, da nicht eindringen zu wollen, wo ihr Gatte ihre Teilnahme nicht wünschte. Oft auch entfernte sich Lamberti nach einem solchen Besuche eine Zeitlang aus der Gegend, und immer kehrte mit ihm neuer Ueberfluss in unsere wohnung zurück. Bald sagte er mir, er habe einen glücklichen Handel gemacht, bald, er habe einen Process oder im Lotto gewonnen, und ich bewunderte sein ausserordentliches Glück und dankte Gott mit kindlicher Einfalt für den reichen Segen.
Ich hatte meinem Gatten nach und nach drei Söhne geboren. Die Knaben wuchsen heran und vor allen war Camillo der Liebling des Vaters, denn er behauptete in dessen wilder und rauher Gemütsart, die mir Tränen des bittersten Kummers auspresste, die künftige Stütze des Hauses zu erblicken. Ich wurde, nachdem ich drei Söhne geboren hatte, nicht wieder Mutter, und da sich mein Herz nach einer Tochter sehnte, nahm ich mit Lambertis Bewilligung meine gute Lucretia als elternlose Waise zu mir und erzog sie mit mütterlicher Liebe. Bald liess es sich bemerken, dass sie und Francesko die