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langsam, und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen Begleiter und sagte: Ich sehe es, Dich gereut Dein grossmütiger Entschluss, ich fühle nur zu wohl, dass ich Dein Misstrauen und nicht Deine Güte verdiene.

Ich hege kein Misstrauen, sagte Evremont, in dem ein blick auf die Jammergestalt Beschämung über seine Besorgniss hervorrief, aber ich fühle mich seltsam ermüdet; ist Deine wohnung noch weit? Wir sind zur Stelle, antwortete Lamberti, indem er vor einem schmalen, hohen haus stehen blieb und die Klingel zog, um Einlass zu begehren. Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten, öffnete ein altes, schmutziges Weib die tür, und Evremont folgte seinem Führer endlose Stufen vieler Treppen hinauf, und er bereitete sein Herz auf den Anblick des tiefsten, von Unordnung, Unsauberkeit und dem ganzen scheusslichen Gefolge der Armut begleiteten Elends vor. Er wurde also um so angenehmer überrascht, als, nachdem sie endlich die Höhe erstiegen hatten, die tür der wohnung seines Begleiters sich öffnete und sie in ein kleines, aber äusserst reinliches Zimmer traten, dessen schlechte Möbel in gefälliger Weise geordnet waren und aus dem ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen strömte, der durch einige blühende Pflanzen, die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen, verbreitet wurde. In der Nähe des Fensters sass ein Mädchen, welches über die Jugend hinaus, und vielleicht durch Kummer noch mehr verblüht war, als durch die Macht der Jahre; vor ihr auf dem Tische stand ein Carton mit künstlichen Blumen, und sie war eben damit beschäftigt, noch andere zu vollenden, die unter ihren geschickten Händen eine treue Nachahmung der natur wurden. Nachdem sie Lamberti mit Teilnahme und Evremont mit Anstand gegrüsst hatte, fuhr sie mit ihrer Beschäftigung fort, und Lamberti ging, nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte hier zu verweilen, in ein anderes noch kleineres Gemach, näherte sich einem Bette, dessen Vorhänge man in dem vorderen Zimmer bemerken konnte, und fragte mit leiser stimme: Schläfst Du, meine gute Mutter?

Wie könnte ich schlafen, antwortete eine matte, kranke stimme, wenn ich bemerke, dass Du die Nächte ohne alle Ruhe hinbringst, wenn die Qualen Deiner Seele Dich vor Tage aus dem haus treiben und ich weiss, dass Du Dich in schrecklichen Bussen abmarterst und doch nicht retten kannst, was ewig verloren ist, ja ich noch fürchten muss, dass Du im Wahnsinne der Verzweiflung Dein Leben selber endest und dann alle meine Kinder auf ewig verloren sind?

Mutter, sagte Lamberti, mir ist heute ein Bote des himmels erschienen, er hat meiner Seele Frieden gebracht und wird auch die Deinige beruhigen. Der, den ich ermorden wollte, hat mir vergeben, und er ist hier, Dir zu bezeugen, dass auch Antonio wie ein Christ mit seinem Gotte versöhnt gestorben ist. Ja, er selbst hat ihm vergeben und auch selbst den Priester zu ihm geführt, der die Last der Sünde von seiner Seele genommen hat.

Redest Du im Fieber? rief die Mutter. grosser Gott! ist schon eingetreten, was ich so lange befürchtete, hat sich der Wahnsinn Deines Geistes bemächtigt?

Nein, gute Mutter, sagte Lamberti, der seine Tränen nicht mehr zurück halten konnte, er ist hier, er wird an Dein Lager treten und meine Worte bekräftigen. Wo? rief die Mutter, wo? Hilf mir, dass ich mich erhebe, dass ich zu seinen Füssen um Vergebung für meine sündigen Kinder flehe, dass ich ihm Dank für eine Grossmut sage, die sich nicht oft auf Erden findet.

Das im vorderen Zimmer sitzende Mädchen hatte bei dem Anfange der Unterredung zwischen Mutter und Sohn still fort gearbeitet, und ihre Tränen auf ihren Busen niederfliessen lassen. Beim Fortgange derselben erhob sie den feuchten blick zu Evremont; auf den ersten laut der Mutter aber, der Beistand forderte, flog sie in das kleine Nebenzimmer, und bald erschien, auf ihren und Lambertis Arm gestützt, eine reinlich gekleidete Alte, die sichtlich an der Gicht litt und sich ohne Stütze nicht wohl bewegen konnte. Lasst mich, sagte sie zu den sie Führenden, lasst mich jetzt, dass ich die Kniee dieses grossmütigen Mannes umschlinge und ihn anflehe, mir zu wiederholen, was Du, mein unglücklicher Sohn, mir verkündetest, damit ich mich von der Wahrheit Deiner Worte überzeuge. Sie wollte sich zu Evremonts Füssen werfen; er gab es jedoch nicht zu, sondern stützte sie mit seinen Armen, führte sie zu dem einzigen im Zimmer befindlichen Lehnsessel und wiederholte ihr alles, was sie beruhigen konnte.

Können Sie bei der Mutter Gottes und ihrem gekreuzigten Sohne schwören, fragte die Alte, dass Sie derselbe sind, gegen den meine Söhne ein so schreckliches Verbrechen ausüben wollten, dass alle Ihre Worte wahr sind, und dass Sie aufrichtig und von Herzen vergeben? Halb unwillig über diess Misstrauen legte Evremont die Finger auf ein Krucifix, auf welches die Alte deutete und das auf einem kleinen Betaltare unter einem mit künstlichen Blumen umkränzten Muttergottesbilde lag, und sagte: Ich schwöre es auf diess uns allen heilige Zeichen des Kreuzes, dass meine Worte wahr sind und meine Vergebung aufrichtig ist.

So verzeihen Sie auch meine letzte Forderung noch, sagte die Alte mit hervorbrechenden Tränen. Eine Grossmut, wie Sie sie zeigen, ist so selten in unserer sündigen Welt, in den rachgierigen Herzen der Menschen, dass mich nur eine feierliche Versicherung ganz beruhigen konnte. Ach! Sie wissen nicht, fuhr sie fort, indem sie den