in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft aufgeregt. Der oft erwähnte Tod des Marschalls Nei hatte die Trauer über den Fall dieses Helden schmerzlich erneuert, und er beschloss in der Stille am frühen Morgen die Stelle zu besuchen, wo das bravste Herz, von Kugeln durchbohrt, aufgehört hatte zu schlagen. Er war desshalb am andern Morgen sehr früh allein ausgegangen, um, von Niemandes Auge bemerkt, sein Herz zu befriedigen und im Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen. Er hatte den Garten Luxemburg erreicht und näherte sich der Stelle, wo der Boden das Blut des Helden getrunken, dessen kühne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verläugnet hatte. Als Evremont sich dem verhängnissvollen platz näherte, bemerkte er, dass ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war. Er sah auf der Stelle, wo der Marschall gefallen war, einen Mann in abgetragener Uniform knieen; eine Hand hatte das Gesicht bedeckt, und Evremont bemerkte, dass der linke Arm dem Krieger fehlte, der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte. Er wollte sich zurückziehen, um den Knieenden nicht zu stören und zu überraschen. Das geringe Geräusch aber, das diese Bewegung verursachte, traf das Ohr des Knieenden, der Evremonts Annäherung nicht vernommen hatte. Die das Gesicht verdeckende Hand sank herab, ein mageres, sehr bleiches Gesicht erhob sich; dunkel glühende, tief liegende Augen starrten Evremont an, der einen Schritt zurücksprang und dem das einzige Wort: Lamberti! von den Lippen floh. Kommst Du endlich, Adolph, sagte der so Angeredete, ohne sich von den Knieen zu erheben, mit sanfter stimme. Lange, fuhr er fort, habe ich diesen Augenblick erwartet und meine Seele darauf bereitet; ich werde Dir nicht widerstreben, und wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast. Ich werde das Verbrechen nicht läugnen, und ich würde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig von mir werfen, wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben könnte, ach! und ihr, der Unglücklichen – – er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem seine Augen.
Wenn ich auch, sagte Evremont, nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, Gefühle der Rache hätte nähren können, so würden sie doch hier aus meinem Busen schwinden, wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung begegnen. Er wollte sich zurückziehen; doch der Knieende erhob sich nun und sagte, indem das glühende Auge auf Evremont ruhte: Und wäre es möglich, könntest Du vergeben, hier, wo das Blut des Helden floss, den wir beide verehrten?
Ich habe schon längst ein Verbrechen verziehen, dessen Ursache ich nie habe enträtseln können, sagte Evremont.
O Gott! rief der verstümmelte Lamberti in Tränen, womit habe ich elender Sünder Deine Gnade verdient? Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele, nicht ohne Sakrament und beichte werde ich sterben, denn ich beichte die grässliche Missetat täglich, und mich, mich Unwürdigen allein, rettet die ewige Gnade von dem Pfuhl der Verdammniss, in die meine unglücklichen Brüder beide gesunken sind, beide ohne beichte dahin gegangen, beide ewig verloren.
In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekämpft. Er hatte das Wort früherer brüderlicher Vertraulichkeit, womit Lamberti ihn anredete, nicht erwiedern mögen und scheute sich doch auch, ihn durch das entschiedene Zurückweisen dieser Vertraulichkeit zu kränken. Jetzt aber übte der Anblick des so völlig zerknirschten Sünders volle Gewalt über sein Herz; und nur grossmütigen Empfindungen Raum gebend, sagte er mit milder stimme: Du quälst Dich ohne Grund, Francesco, Dein Bruder Antonio ist nicht ohne beichte gestorben. Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino, wo er verstümmelt lag, zu ihm geführt, und meine Verzeihung und die Vergebung seiner Sünden haben seinen Tod erleichtert, den er kämpfend wie ein Held fand.
Und Du, rief Lamberti, und Du hast diese Grossmut an Deinem Mörder geübt? O! so kröne Dein Werk, nimm die grässliche Last von der Seele einer verzagenden Mutter, die alle ihre Kinder für die Verdammniss geboren zu haben glaubt. Sie würde mir nicht glauben, fuhr er flehend fort, sie würde meinen, dass ich mir diess alles, unser Zusammentreffen hier, in Fieberträumen eingebildet habe, die freilich oft meine Seele verwirren. O komm! rief er, als er sah, dass Evremont noch zögerte. O komm! Du hast einem Deiner Mörder in der Stunde des Todes den Priester zugeführt und seine Seele gerettet, Du hast dem andern verziehen, o komm nun auch, ein Bote des himmels, und tröste die schuldlose Mutter.
Wohl, sagte Evremont, ich will auch diess tun, um Deiner Seele den Frieden zurück zu geben, der Dir nur zu sehr mangelt, zeige den Weg, ich folge Dir. Ein blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn für den grossmütigen Entschluss. Beide verliessen den Garten und ein misstrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele, als sein Führer ihn in eine entfernte Vorstadt führte, und sie ihren Weg durch enge, krumme und schmutzige Strassen nahmen. Könnte er, der mich schon ein Mal ermorden wollte, dachte er, nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Händen seiner Genossen überliefern, und ich verschwände von der Erde, ohne dass eins der mir teuern Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen könnte, denn diese Unvernunft wird mir Niemand zutrauen, dass ich meinem Mörder freiwillig in seine Höhle folge. Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkührlich zögernd und