1836_Bernardi_007_245.txt

Knabe in ihm einen grossmütigen Beschützer gefunden hätte.

Lassen wir die Grossmut beiseit, sagte der General. Sie wissen, was mir der alte Bertrand war, aber Sie wissen nicht, dass ich seine Frau früher unter andern Verhältnissen kannte.

Doch, sagte Evremont lächelnd, ich erinnere mich der schönen Dame recht wohl, die damals in Ihrer Begleitung war, als Sie siegreich in Schloss Hohental einzogen, wo ich in der Zeit ein demütiger Gefangener war, und ich habe nicht ohne Erstaunen erst später erfahren, dass dieselbe Marketenderin – –

Lassen wir diess alles, sagte der General, ihn ernstaft unterbrechend; mir tun alle diese Erinnerungen nicht wohl. Genug, Sie sehen, dass es mir aus vielen Gründen wohltut, Bertrands Knaben mit dem meinigen zu erziehen, und Sie können beide hier sehen, wenn Sie wollen. Die Verwandte unserer Freundin hat zwei Kinder, und da die witwe Don Fernandos oder die Baronin Schlebach Kinder sehr liebt, ohne selbst Mutter zu sein, so werden meine beiden Knaben oft hieher geführt als Spielgesellen der andern, und sie sind jetzt eben hier. Auf Evremonts Aeusserung, dass es ihm Freude machen würde, die Kinder zu sehen, die der General der Baronin, wie sie hier genannt wurde, mitteilte, erschienen die beiden Knaben, und Evremont wurde überrascht durch die kühnen Augen Bertrands, mit denen dessen Sohn ihn anblitzte, und durch die grosse Aehnlichkeit des übrigen Gesichts mit dem Sohne des alten Lorenz.

Ist es nicht ein sonderbares Spiel der natur, sagte die Baronin, sich an Evremont wendend und den Knaben unter Liebkosungen in ihre arme schliessend, wie sehr diess Kind Don Fernando ähnlich sieht?

Evremont hätte ihr die Aehnlichkeit leicht erklären können, doch schwieg er darüber, und lobte nur die Schönheit und den klugen blick des Knaben, und verriet auch später dem General nicht, in welchem Zusammenhange diess Kind mit dem Gemahle der Dame stehe, die sich für Evremonts Verwandte hielt, denn er traute diesem nicht Zurückhaltung genug zu, um ein geheimnis, das ihm vielleicht komisch dünken würde, ernstaft zu verschweigen.

Es liess sich leicht bemerken, dass die witwe Don Fernandos ein zärtliches Andenken für ihn im Herzen bewahrte, trotz alles von ihm erduldeten Unrechts, und sie wusste es Evremont Dank, dass er Gefühle des Unwillens und der Verachtung, die sie ihm damals verriet, als sie in Folge der kürzlich empfangenen Eindrücke noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten, die nun aber die Zeit abgeschwächt hatte, nicht weiter berührteeine Schonung, die Evremont geübt haben würde, wenn ihn auch nicht die Zärtlichkeit, mit der sie den ihm ähnlichen Knaben liebkosete, hätte bemerken lassen, dass ihr das Andenken des Gemahls noch teuer war.

Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen, denn er verriet in der Tat nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen überlegener Spielgeselle, und den sanften Charakter, der sich in dem kind aussprach, schien der Vater nicht gehörig zu würdigen.

Es waren alle Gemüter noch zu sehr durch die neuesten Umwälzungen in Frankreich aufgereizt, als dass eine Gesellschaft lange hätte beisammen sein können, ohne dass sich das Gespräch auf die Ereignisse des Tages gerichtet hätte. Der Tod des Marschalls Nei war damals das allgemeine Gespräch. Mit Tränen in den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden, und alle Aeusserungen, die Evremont hier über diese traurige Begebenheit hörte, waren weit von jeder vernünftigen Mässigung entfernt, und er selbst sprach, durch sein Gefühl und das Beispiel hingerissen, seinen Schmerz darüber ohne Rückhalt aus. Endlich brach er auf, nachdem er der witwe Don Fernandos das Versprechen hatte geben müssen, das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus während seines Aufentaltes in Paris täglich zu besuchen. Der General Clairmont war mit ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben, und Evremont war bereit, den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfüllen. Im Laufe des mannichfach wechselnden Gesprächs, das unter beiden Kriegsgefährten während des Tages Statt fand, bemerkte Evremont scherzend, der General sei so einheimisch im haus der Baronin, dass die Hoffnung nicht ganz unbegründet erscheine, ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begrüssen. Nein Freund, das ist nichts, sagte der General. Trotz aller Liebe, die Don Fernandos witwe noch für den verstorbenen Gemahl äussert, scheint sie doch durch ihn die überzeugung gewonnen zu haben, dass die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind, und ich, betrachten Sie mich, mein Haupt ist kahl geworden und die übrig gebliebenen Haare beginnen schon stark zu ergrauen. Nein Freund, für mich ist es nicht mehr Zeit an Liebe und Ehe zu denken, für mich ist die Zeit der Freundschaft den liebenswürdigen Frauen gegenüber eingetreten, und diese Meinung scheint die Baronin auch zu hegen.

Evremont musste in der Tat bemerken, dass der General sehr alt geworden war, und dass die Beschwerden des Krieges diesen Zustand früher herbeigeführt hatten, als es die verlebten Jahre mit sich brachten. Und dennoch versicherte der General, dass er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei, weil ihn die Freude, einen so braven Kriegsgefährten und den Sohn seines alten Freundes wieder zu sehen, ausserordentlich aufgeregt habe. Auch ihm musste Evremont, als sie sich endlich trennten, das Versprechen geben, mit ihm während seines Aufentaltes in Paris so oft als möglich zusammen zu sein.

XV

Der vergangene Tag hatte