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und herbewegte, und ihm gesagt: Sie hätten es auch haben können, wenn Sie vernünftigem Rate Gehör gegeben hätten und uns gefolgt wären, um sich wie wir dem Dienst des Vaterlandes zu weihen. Dieser Uebermut des Arztes hätte beinah eine unangenehme Störung veranlasst, indem die Antwort des Predigers, der seiner Empfindlichkeit Raum gab, nicht so gemässigt ausfiel, als seiner geistlichen Würde, besonders an diesem Tage, angemessen war. Ueberhaupt teilte sich der grosse Kreis der Gesellschaft in und um Hohental seit diesen mannigfachen Verbindungen oft in zwei kleinere, wovon der eine sich um den Grafen Robert vereinigte, während in dem andern der Prediger und der Arzt einander, oft nicht ohne Heftigkeit, den Vorrang streitig zu machen suchten. Der Arzt gründete seine Ansprüche auf die Wissenschaft, sein Haus mit dem Balkon, seinen botanischen Garten, seine Verdienste und vor Allem auf das eiserne Kreuz, und wurde dabei auf's Lebhafteste von seiner Schwiegermutter unterstützt. Der Prediger fühlte die Ueberlegenheit seines Geistes; er war so gewohnt den Arzt zu übersehen, und dieser hatte seine geistige Ueberlegenheit so lange stillschweigend anerkannt, dass nun dem Geistlichen die Anmassung seines Freundes wie eine Rebellion erschien, die er durch alle Mittel beissenden Witzes und schneidender Verachtung zu unterdrücken strebte, indem er durchaus sich nicht darein finden konnte, dass der Arzt seit seinem Feldzuge ein anderer Mann geworden war. Nicht selten wurde die Spannung zwischen Beiden so gross, dass der Graf Robert vermittelnd dazwischen treten musste, um die Versöhnung zu bewirken, die indess niemals schwer zu bewerkstelligen war, weil beide Freunde zu sehr fühlten, wie sehr sie einander bedurften. Von den verschiedenen Nachrichten, die diese Briefe entielten, erregte die, die den jungen Torfeld betraf, Evremonts Teilnahme am Lebhaftesten, denn er hatte den jungen Mann in früheren zeiten aufrichtig liebgewonnen, und so freute es ihn denn nun, dass auch er hoffen durfte, die Wünsche seines Herzens erfüllt zu sehen, denn er hatte die ersehnte Anstellung erhalten und es liess sich erwarten, dass er nächstens auch seine Verbindung mit der Tochter des Predigers melden würde.

Endlich ermahnte der Graf selbst Evremont an die notwendige Reise, und die ganze Familie wurde auf's Höchste überrascht, als, nachdem der Tag der Abreise festgesetzt war, der alte Dübois erschien und den jungen Herrn Grafen um die Ehre ersuchte, ihn begleiten zu dürfen. Alle vereinigten sich den alten Mann zu bewegen einen Plan aufzugeben, den er bei seinem hohen Alter nur mit grosser Beschwerde ausführen könne.

Ich kann es nicht, erwiderte der Greis, ich muss die heimatliche Luft wieder atmen; ich muss die sehnsucht so vieler Jahre befriedigen und meine Gebeine dem geliebten Boden lassen.

Wie, rief die Gräfin erschreckt, Sie wollen uns ganz verlassen? Was haben wir Ihnen getan, Dübois, dass Sie uns diesen Kummer erregen wollen?

O meine gütige, meine gnädige herrschaft, erwiderte der alte Mann in Tränen, diese Frage könnte mein Herz zerreissen, denn sie scheint mich des Undanks zu beschuldigen, wenn sie nicht ein neuer Beweis Ihrer Güte wäre. Länger als zwanzig Jahre habe ich in alle Gebete, die ich an Gott richtete, die inbrünstige Bitte eingeschlossen, es möge der ewigen Weisheit gefallen, meinen rechtmässigen Herrn und König auf Frankreichs Tron zurückzuführen. Der Herr hat mein Gebet und das Gebet von Millionen erhört. Der achtzehnte Ludwig hat den Sitz seiner Väter eingenommen, und wird Segen und Glück über unser Frankreich verbreiten. Ich habe Niemanden angefeindet, der anders dachte als ich. Ich konnte mein Vaterland verlassen, während es in den Zuckungen der Revolution sich selbst bis zur Unkenntlichkeit entstellte, aber nun, da Glück und Frieden mit dem rechtmässigen König wiederkehrt, nun zieht es mich gewaltsam zurück und ich muss französische Luft atmen, ehe ich sterbe.

Man sah bald ein, dass es unmöglich sein würde, den Greis zurückzuhalten, ohne ihn auf's Schmerzlichste zu kränken und vielleicht dadurch sein Leben zu verkürzen. Es blieb also nichts übrig, als dafür zu sorgen, ihm die Reise so bequem zu machen, als nur irgend möglich wäre, und Evremont ordnete alles Nötige mit so zärtlicher Rücksicht an, als ob es sein greiser Vater sei, der ihn begleiten wolle. Die ganze Familie trennte sich mit Tränen von dem würdigen Alten, den am Meisten die Tränen und lauten Klagen des kleinen Adalbert bewegten, und lange, nachdem der Wagen, der die Reisenden hinwegführte, schon aus den Augen der nachblickenden Freunde verschwunden war, konnte die Gräfin sich nicht davon überzeugen, dass Dübois in der Tat ihr Haus habe verlassen können.

Evremont hatte mit seinem gefährten Paris bald erreicht, wo er vor allen Dingen seinen Zweck so bald als möglich zu erreichen suchte, denn die glänzende europäische Hauptstadt bot in diesem Augenblicke wenig Erfreuliches für ihn dar. Als Krieger schmerzte ihn die Erniedrigung, in der er Frankreich erblicken musste, und das traurige Ende bewunderter Feldherren zerriss sein Herz. Die Schritte der Regierung konnte er als Bürger nicht billigen, und die Gesellschaft, die sich in heftig einander bekämpfende Parteien teilte, gewährte ihm keine Erholung. War es nun schon an Evremont zu bemerken, dass ihn der Aufentalt in Paris nicht befriedigte, so klagte Dübois laut ohne Rückhalt darüber, wie sehr er sich in allen seinen Erwartungen getäuscht fühle. Er fand weder die begeisterte Freude des volkes darüber, dass ihm sein rechtmässiger König wiedergegeben worden war, die er erwartet hatte, noch die Milde und Politur der Sitten, von der er