1836_Bernardi_007_242.txt

Schweigen nun gab Allen die traurige überzeugung, dass er neue durch die eingetretenen Umstände veranlasste Hindernisse gefunden haben müsse.

In solchen traurigen Betrachtungen sassen die Glieder der Familie an einem schönen Sommerabend bei einander im saal des Hauses. Die Türen nach dem Garten waren geöffnet und der Duft der Blumen strömte in den Saal; aus dem Garten hörte man den Gesang der Nachtigall und das Plätschern des Springbrunnens. Jeder sass in Schweigen versenkt, halb auf diese Töne lauschend, halb seinen kummervollen Gedanken hingegeben. Eine Bewegung in den nächsten Zimmern erregte endlich die Aufmerksamkeit, und indem Alle die Augen dahin richteten, erblickten sie zugleich Evremont, der hineinstürmte und abwechsend, ohne zu sprechen, Vater, Mutter, Gattin und seine gütige Tante an die Brust drückte. Tränen der Freude erstickten Anfangs alle Worte, und als diese erste Erschütterung vorüber war, machte sich Evremont Vorwürfe darüber, seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher gemeldet zu haben, denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste von der Bewegung der Seele ergriffen. Doch die Erschütterung der Freude wirkt selten schädlich, und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten, blickten seine Augen suchend umher. Emilie verstand den blick, sprang eilig nach dem Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zurück, Adalbert an ihrer Hand, den sie dem entzückten Vater zuführte. Evremont konnte nicht aufhören abwechselnd seinen Knaben, seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen; er tadelte sich selbst, in Tränen lachend, über seinen kindischen Ungestüm und begann doch stets von Neuem. Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte ihm wie selig träumend in die Augen. Man konnte kaum daran glauben, dass der lange Schmerz der sehnsucht nun wirklich endlich gelöst sei, und es vergingen einige Tage, ehe man sich mit dem Gefühle der Gewissheit des Glücks recht vertraut gemacht hatte.

Nachdem endlich die stürmische Bewegung in jeder Brust gemildert war, nachdem alle fragen erschöpft und alle Antworten gegeben, und selbst Dübois befriedigt war, dem Evremont alle die Liebe und achtung bewies, die der Greis verdiente, und für die liebende Aufmerksamkeit den innigsten Dank sagte, die er seinem Knaben gewidmet, fanden ruhigere gespräche Statt, und die Blicke der Männer richteten sich auf die öffentlichen Angelegenheiten. Aber ehe noch die wichtige Frage zwischen Vater und Sohn entschieden war, ob es Evremonts Pflicht sei oder nicht, sich den französischen Kriegern anzuschliessen, war die Schlacht bei Waterloo geschlagen, und Napoleons zweite Abdankung machte jeden Streit hierüber überflüssig.

Der neue Friedensschluss war für Frankreich drükkender als der erste, und indem Evremont darüber trauerte, dass seinem vaterland Provinzen entrissen wurden, lag ein tröstendes Gefühl darin, dass sein Interesse nicht mehr von dem seiner Eltern verschieden war, denn seine Güter jenseits des Rheins, die er fortan unter preussischer Regierung besitzen sollte, machten ihn wie den Grafen zum Bürger dieses Staates.

Evremont hatte das Leben in so vielfacher Gestalt kennen gelernt, dass er, obwohl noch jung, dem öffentlichen Anteile daran gern entsagte, und sich und seiner Familie zu leben beschlossein Entschluss, der Emilien in Entzücken versetzte und von den Eltern höchlich gebilligt wurde, und nur Adele, ob sie gleich erfreut war, alle Gefahr für den geliebten Neffen geendigt zu wissen, empfand es doch schmerzlich, dass sie die still genährte Hoffnung, Evremont noch einst als französischen Marschall zu sehen, aufgeben sollte. Der Graf machte sie auf die Unmöglichkeit aufmerksam, als preussischer Untertan in der französischen Armee zu dienen. Ja, ja, bemerkte sie seufzend, ich sehe es ein, das sind die traurigen Folgen von Frankreichs Unglück.

Es war noch eine kurze Trennung Evremonts von der Familie notwendig. Er musste nach Paris reisen, um seinen förmlichen Abschied aus der französischen Armee sich auszuwirken, den er leicht zu erhalten hoffte, da alle Krieger, die unter Napoleon gefochten hatten, nur zu bereitwillig von der neuerdings zurückgekehrten Regierung entlassen wurden. Aber diese Reise verzögerte sich, weil er sich nicht entschliessen konnte, nach so langer Abwesenheit seine Familie sogleich wieder zu verlassen, und weil er seinen Aufentalt in Paris auf so kurze Zeit zu beschränken dachte, dass er selbst nicht Emilie bereden mochte ihn zu begleiten, denn wenn er auch die Absicht hatte, dass sie Paris und Frankreich sehen sollte, so wollte er diess doch aufschieben, bis Frankreich erst wieder mehr Ruhe und Würde erlangt hätte und also auch mehr Genuss gewähren könnte.

Es verzögerte sich also Evremonts Abreise von Woche zu Woche, und die Zögerung selbst wurde immer drückender, weil die notwendigkeit, sich endlich zu einer unangenehmen Handlung zu entschliessen, täglich dringender wurde. In dieser Zwischenzeit trafen Briefe aus Hohental ein, an denen sich Jeder auf verschiedene Weise erfreute. Die Schwestern des Grafen Robert waren an Werteim, dem das kleine Gut unter sehr billigen Bedingungen überlassen war, und an Lehndorf, der die gewünschte Anstellung erhalten hatte, verheiratet, und auch der Arzt hatte seine Verbindung auf's Glänzendste gefeiert, wobei seine Schwiegermutter alle Kunst des Backens und Kochens entfaltet hatte, um die Gäste gehörig zu bewirten, und, über die massen erhitzt durch die übernommene Anstrengung, bei der Bewirtung in ihrem bunten Pariser Putz eine seltsame Erscheinung gewährt hatte.

Die Freude des Arztes war aufs Höchste gesteigert worden, weil er wirklich das eiserne Kreuz vor seiner Hochzeit erhielt und es an diesem Ehrentage an einem möglichst langen Bande an der Brust tragen konnte. Mit Uebermut hatte er auf den Prediger geblickt, indem er zwischen den Fingern das Ehrenzeichen hin