den ich im Herzen trage, denen nicht zu zeigen, die ihn weder verstehen noch teilen könnten, denn sehr begreiflich sind hier viele Dinge, die mich betrüben, eine Ursache zur Freude.
Es war mir ein Trost, in einsamen Stunden diese Zeilen an meine Familie zu richten, ohne dass ich wusste, wie sie bis zu Ihnen, geliebte Eltern, gelangen sollten. Nach Jahren hatte ich gestern das erste Mal wieder das Gefühl lebhafter Freude. Der älteste Sohn des Hauses, in dem ich lebe, überraschte seine Eltern und Geschwister auf seinem Rückwege zur Armee mit einem kurzen Besuche. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben dafür zu sorgen, dass diese Briefe sicher in Ihre hände kämen, mein teurer Vater, und ich betrachte nun meine Not als geendigt. Evremont fügte noch Vieles hinzu für jedes einzelne Glied der Familie, welches der Graf nicht angemessen fand dem Generale mitzuteilen, und er endigte die Vorlesung, die Alle mit so inniger Teilnahme angehört hatten.
XIII
Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen geendigt. An die Stelle der quälenden, alle Lebenskräfte verzehrenden Angst trat die wohltätige sehnsucht der Liebe, die zwar innig die Vereinigung mit dem Geliebten herbei wünscht, aber, wenn das Schicksal zögert diese zu gewähren, die Stunden des Erwartens dadurch versüsst, dass sie alle dem Streben gewidmet werden, den schönen Augenblick, wenn er endlich eintritt, auf alle Weise zu verherrlichen. Der Graf hatte leicht Mittel gefunden, da er Evremonts Aufentalt kannte, ihm solche Summen zu übersenden, dass von einer abhängigen Lage nun bei ihm nicht die Rede mehr sein konnte, und da das ganze Land von Feinden gereinigt war, so konnte ein regelmässiger Briefwechsel eintreten, der ein grosser Trost für Alle wurde. Emilie hatte nun Gemütsruhe genug den wohlgemeinten Rat ihrer Tante zu befolgen, und sie teilte ihre Zeit zwischen der sorge für ihren Sohn, den sie schon zu unterrichten anfing, und eigenen Studien und Musik. Die wohlwollende Adele rief oft triumphirend: Hatte ich nicht Recht, dass ihn der Himmel zu unserm Troste erhalten würde und war nun nicht all die furchtbare Angst unnötig? Sie liebte Evremont mit der Zärtlichkeit einer Mutter; sie hatte oft verzweiflungsvoll für ihn gezagt, aber sie war nun herzlich froh, mit gutem Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angebornen Heiterkeit überlassen zu dürfen. Der Graf gewann den Gleichmut der Seele wieder, denn er durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befürchten, den er sich bewusst war nicht ertragen zu können, und die Gräfin, die sich dem grab sichtlich zugeneigt hatte, kehrte, gestärkt durch die innere Ruhe, noch ein Mal auf den Weg des Lebens zurück. Selbst die Kräfte des alten Dübois schienen sich zu verjüngen, da er den jungen Grafen, wie er Evremont nannte, in Sicherheit wusste; es entzückte ihn, dass der gütige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte, und er widmete nun dem kleinen Grafen, wie er den kleinen Adalbert nannte, doppelte Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran, als er in Evremont dadurch zu erregen hoffte, dass der Kleine so reines Französisch sprach, dass kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben würde, ein Verdienst, welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb.
Jeder Fortschritt, den die verbündeten Truppen in Frankreich machten, erhöhte die Zufriedenheit der Familie des Grafen, denn jeder führte die Hoffnung des endlichen Friedens näher. Eine ganz andere wirkung hatten diese Fortschritte auf das Gemüt des General Clairmont. Er hatte gehofft, Frankreich würde der gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne verlornen Ruhm wiedergewinnen. Ihn entzückte daher jeder Vorteil, den die Franzosen erkämpften, und er erklärte es für eine Verwegenheit der Verbündeten, dass sie sich nach Paris wendeten, denn er sagte ihren gewissen Untergang vor dieser Stadt voraus, deren gesammte Bevölkerung, wie er behauptete, die Waffen gegen den eindringenden Feind ergreifen würde. Als nun der entscheidende Schlag gefallen war, Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm, gränzte seine Stimmung an Verzweiflung, und als bald darauf Napoleons Abdankung und die Zurückberufung der Bourbons erfolgte, schloss er sich zwei Tage in sein Zimmer ein, ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten, der so gern den Freund beruhigt hätte.
Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien, war er bleicher und ernster als gewöhnlich. Ich werde Dich nun bald verlassen, sagte er dem Grafen, indem er ihm die Hand reichte. Die Erinnerung an Deine Freundschaft, an den langen Aufentalt in Deinem haus wird mir um so wohltätiger sein, da ich Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Güter zurückziehen werde.
Wie kommen Sie zu dem Entschluss? rief Adele unbedachtsam. Wie oft haben Sie behauptet, in Frankreich könne man nur in Paris leben, wenn man das Leben mit allen seinen Vorzügen geniessen wolle.
Paris ist nichts mehr für mich, rief der General mir aufflammendem Unwillen. Welchen Reiz könnte Paris für mich noch haben, wo Alles danach strebt, ein ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln, wo selbst jedes Zeichen vertilgt werden soll, das an eine so nahe Vergangenheit erinnert, dass sie beinah noch Gegenwart ist. Nein! rief er, indem er die dreifarbige Kokarde vom hut nahm, nie werde ich dieses Zeichen gegen das weisse Band vertauschen; und darf ich es nicht mehr öffentlich erheben, so soll es auf meinem Herzen ruhen, so mag es