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uns verteilte, denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere höchst mangelhafte Fussbekleidung bemerkt. Schöne Kinder umringten das würdige Paar, in dessen Augen Tränen des Mitgefühls glänzten. Die Italiener besonders drängten sich stürmisch heran, um die Gaben den schönen Händen zu entreissen. Ich lehnte mich seitwärts an die kalte Mauer, denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten. Die Dame bemerkte mich, und vielleicht durch mein bleiches Ansehen gerührt, näherte sie sich mir, um mir ihre Gabe zu reichen, die ich dankbar empfing. Der Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein in's Haus zu treten, um uns zu erwärmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken. Alle drängten sich herbei und so auch ich, den die äusserste Not dazu trieb, so gut ich es vermochte. O! meine teuersten Eltern, wie köstlich dünkte mir nach so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe, die ein mürrischer Koch in Schüsseln von grobem Ton vor uns hinstellte, indem er uns hölzerne Löffel dazu reichte. Er zählte, indem er mit seinem grossen Messer Jeden berührte, laut seine ihm unwillkommenen Gäste und teilte das uns bestimmte Fleisch, ohne Rücksicht auf einladende Sauberkeit, in eben so viele Teile, als Personen vorhanden waren.

Die Wirtschafterin reichte Jedem mit verdriesslicher Miene ein Glas Branntwein aus demselben Glase. Alles das störte nicht die Lust des Genusses, und hätte ich nach der Mahlzeit meine ermüdeten Glieder zum erquickenden Schlummer ausstrecken dürfen, so würde ich mich in dem Augenblicke glücklich gefühlt haben. Doch die Pferde waren bereit und wir mussten scheiden. Ich hatte bemerkt, dass der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernstaft mit seiner Gemahlin sprach, wobei mich Beide betrachteten. Jetzt näherte er sich mir wieder und fragte, wo wir gefangen genommen wären. Nachdem ich auf seine Frage geantwortet, nahm ich die gelegenheit wahr, ihm für die Güte, die er uns bewiesen, zu danken. Es schien mir, als ob er gern das Gespräch mit mir fortgesetzt hätte, doch der Unteroffizier, der uns führte, erinnerte, dass es Zeit sei aufzubrechen, und ich verliess mit Schmerz einen Ort, wo ich nach langem Leiden die erste Erquickung gefunden hatte, nachdem ich dem menschenfreundlichen Gutsbesitzer noch meinen Namen gesagt hatte, den er zu wissen begehrte.

Erwärmt und gesättigt fasste ich von Neuem den Entschluss, mich so lange als möglich aufrecht zu erhalten, um der Gefahr, in's Lazaret zu kommen, zu entgehen, und es war auf unserm zweiten Tagesmarsche, den ich mit höchster Anstrengung als Gesunder machte, als ich den Gutsbesitzer, der uns so wohl aufgenommen hatte, bei uns vorbeifahren sah. Er grüsste uns freundlich, und ich weiss nicht, was ich mir daraus Gutes vorhersagte, aber sein Anblick richtete meinen Mut auf und ich erreichte die Stadt als Gesunder, wo unser ferneres Schicksal entschieden werden sollte. Wir waren auf dem Markte aufgestellt, und sahen nicht ohne schmerzliche Empfindungen uns von den Einwohnern mit Neugierde betrachtet, und erwarteten mit Aengstlichkeit die Entscheidung, wohin wir nun mit kraftlosen Schritten wandern sollten. Ich blickte mit Betrübniss auf das Haus, wo der Obere der Polizei wohnte, der unsere weitere Versendung zu besorgen hatte, als sich die Tür desselben öffnete und der mir so wohlbekannte Gutsbesitzer an der Seite dessen heraustrat, der unser Schicksal zunächst zu bestimmen hatte. Mein wohlwollender Bekannter näherte sich mir und fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er mir den Vorschlag machte, das Ende des Krieges als sein Hausgenosse zu erwarten und indessen die Verpflichtung zu übernehmen, seine Kinder in der französischen Sprache und, worin ich sonst vermöchte, zu unterrichten, vor Allem aber beständig französisch mit ihnen zu sprechen, damit sie sich die nationale Aussprache ganz eigen machen könnten. Ich ging mit Freuden auf sein Anerbieten ein, und in wenigen Minuten war die Sache zwischen ihm und dem Obern der Polizei abgemacht, und ich folgte zum grossen Aerger der Italiener, um die sich Niemand bemühte, dem wohlwollenden mann, dessen Hausgenosse ich werden sollte. Die wenigen Franzosen unter den Gefangenen waren bald auf eine ähnliche Art wie ich selbst untergebracht, und nur die unglücklichen Italiener und Spanier wurden weiter gesendet. Mein neuer Beschützer kaufte mir zu allererst einen Mantel, der, obwohl nichts weniger als fein, mir dennoch höchst erfreulich war, denn ich konnte nun die erstarrten Glieder erwärmen, auch in dem Gastofe, wo er selbst abgestiegen war, mich durch eine anständige Mahlzeit stärken, und den andern Tag sass ich neben ihm im Schlitten, von wärmenden Decken geschützt, und flog schnell und bequem den Weg nach seinem Gute zurück, den ich so kummervoll und mühevoll vor wenigen Tagen gewandert war.

Im haus meines Beschützers angelangt, fand ich die wohlwollendste Aufnahme. Der lang entbehrte Besitz eines freundlichen, anständig möblirten Zimmers erfreute mein Herz; ein reinliches, bequemes Lager lockte mich an, doch wurde ich dieses Genusses erst durch ein Bad würdig, das man mir, die notwendigkeit erkennend, sogleich bereitete. Die zarte Vorsorge der Gebieterin des Hauses liess es mir auch an Wäsche nicht mehr mangeln, und da von meinen Kleidungsstücken durchaus keines brauchbar war, brachte man mir für's Erste einen Schlafrock meines Beschützers. In diesem so sehr verbesserten Zustande war ich doch einige Tage ein Gefangener auf meinem Zimmer, bis der Schneider des Gutes, ein Eingeborner des Landes, der die Bedienten des Hauses kleidete, seine Kunst zu meinem Besten ausgeübt hatte. Da ich