will nichts von dem Elende erwähnen, das ich auf den endlosen Märschen erdulden musste, ehe wir das Armeecorps erreichten, dem das uns führende Regiment zugeordnet war. Ich verdankte es der Kraft der Jugend, dass ich diese Mühseligkeiten überstand, denen die meisten meiner Unglücksgefährten unterlagen. Endlich war diess traurige Ziel erreicht, und die wenigen noch lebenden Gefangenen, die der Obrist des russischen Regimentes, das uns genommen hatte, vorstellen konnte, wurden einer grossen Anzahl zugesellt, die nach dem inneren des Reiches geführt werden sollte. Hier traf ich Franzosen, Deutsche, Italiener und Spanier im bunten Gemisch, aber Alle in gleichem Elend. Unsere Namen wurden hier flüchtig verzeichnet, und da meine höchst armselige Erscheinung in der zu Lumpen gewordenen Kleidung eines gemeinen Soldaten, hätte ich die Wahrheit angegeben, meine Glaubhaftigkeit verdächtig gemacht haben würde, so nannte ich mich bloss Evremont, Officier des Regimentes, das ich geführt hatte. Aber auch diess konnte bei der unglaublich grossen Anzahl Gefangener, die stündlich eingebracht wurden, nicht weiter beachtet werden. Da ich nur mein Wort dafür hatte und meine Erscheinung dem widersprach, auch unter den gegenwärtigen Gefangenen Niemand war, der mich kannte, so traf mich das los, als gemeiner Soldat mit einer Anzahl, worunter wenige Franzosen waren, meist Italiener, einen Weg anzutreten, dessen ich mich mit Schauder erinnern werde, so lang ich lebe.
Unsere Nahrung war der Masse nach zwar hinreichend, aber von der gröbsten Art, so dass sich meine natur dagegen sträubte und ich beinahe dem Hunger unterlag, und ich gestehe, dass ich, menn wir durch kleine Städte zogen, in welchen Bäcker wohnten, die schlechte Waizenbrote zum Verkauf ausgelegt hatten, alle Kraft der Seele aufbieten musste, um meine Hand nicht danach auszustrecken, und mich hielt nur die Furcht vor den schimpflichen Folgen davon zurück, denn auch in diesem Elende blieb mir das Gefühl, dass ich Ihnen, meine verehrten Eltern, meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses Leben schuldig sei, und dass ich keine Handlung begehen dürfe, worüber mir so teure Wesen jemals erröten müssten.
So, in täglich zunehmender Not, hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht, und mehrere der unglücklichen Gefangenen waren so entkräftet, dass sie auf Schlitten fortgebracht werden mussten, um in der nächsten Stadt, wo Lazarete eingerichtet waren, zur Pflege abgegeben zu werden. Die Furcht vor einem ähnlichen Schicksale vermochte mich alle Kräfte aufzubieten, um meinen Weg zu Fuss fortsetzen zu können, und das Unglück der Kranken erleichterte selbst ein wenig den Zustand der Gesunden, denn das Bedürfniss Pferde zu haben, um die Hülflosen fortzuschaffen, hatte die Einrichtung notwendig gemacht, dass die an der Strasse wohnenden Edelleute die nötigen Pferde zu stellen verpflichtet wurden, und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern, indem in jedem neue Pferde bereit gehalten wurden, die die Kranken wieder bis zum nächsten brachten, und ich muss es dankend rühmen, wie bereitwillig die Menschenliebe die Not des Augenblicks zu lindern strebte. Freilich war der wohltätige Beistand mehr meinen gefährten als mir zu teil geworden, denn ich konnte mich nicht hinzudrängen, um meinen teil von den Lebensmitteln, die uns gereicht wurden, zu erhalten. Da mich die Gefangenen selbst für einen gemeinen Soldaten hielten, so glaubten sie mir keine Rücksicht schuldig zu sein, und da die Not den von natur selbstsüchtigen Menschen noch selbstsüchtiger macht, so rafften die Andern Alles an sich, ohne daran zu denken, dass ich beinah verschmachtete.
Trotz dieser grossen Not hatte ich oft gelegenheit zu bemerken, dass das im Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen Gegensatz zu der Rohheit bildet, in die die ursprünglichen Bewohner des Landes, die jetzigen Bauern, versenkt sind, so dass man sich weit weg aus Europa versetzt fühlt, wenn man sie betrachtet, und seltsam überrascht wird, wenn man in dieser Umgebung zierliche Frauen, schöne fräulein und gebildete Männer, die sämmtlich französisch reden, sich bewegen sieht. Mir wurde später dieses Rätsel gelöst, denn ich hatte gelegenheit zu bemerken, wie viel eine jede Familie für die Erziehung ihrer Kinder tut, und wie jeder Vater, der es irgend vermag, seine Söhne auf Reisen sendet, um ihnen eine Wohltat zu gewähren, die er auch selbst genossen hat. Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien eigen, der den Fremden angenehm anspricht. Die Ursache dieses anständigen, milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar, aber ich sollte die wohltätigen Wirkungen desselben erfahren.
Ich hatte durch fast übermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht erhalten; aber meine Kräfte waren durch lange Entbehrungen aller Art so geschwächt, dass ich mit mir kämpfte, ob ich mich nicht sollte sinken und fühllos, besinnungslos dem neuen Elende eines Lazarets entgegenschleppen lassen, als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten, bis die nötigen Pferde herbeigeschafft würden. Der Besitzer des Gutes, ein Mann von mittleren Jahren, näherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete unser Elend mit mitleidigen Blicken. Er sagte dem Verwalter einige Worte, der darauf in's Haus ging, und redete die nächsten Gefangenen französisch an, und als er die Italiener bemerkte, diese auch italienisch.
Mit lärmender Freude ward er sogleich von denen umringt, die die laute ihres schönen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen. Indess war die Gemahlin des Gutsbesitzers auch herab gekommen; sie redete uns freundlich an, und eine Magd trug ihr einen Korb voll wollener Strümpfe nach, die sie unter