1836_Bernardi_007_231.txt

, fuhr er in seinem Berichte fort, war gänzlich auseinander gesprengt und vernichtet, ehe wir die Beresina erreichten. Der Mangel, die Kälte rafften Tausende hin, und die Ueberlebenden dachten nur daran weiter rückwärts zu kommen, ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu gehorchen. Der alte Bertrand, der Schwager des jungen Lorenz, hatte sich treu mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen; er glaubte mir Dank schuldig zu sein für manche kleine Dienste, die ich ihm geleistet, um mein hartes Verfahren gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen. Diese, die uns als Marketenderin folgte, gewährte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch geringen Vorräte, die sie für ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewusst hatte, und die die Familie bereitwillig mit mir teilte. Aber auch diese kleine Milderung der Beschwerden sollte bald für mich aufhören. Wir wurden eines Abends in der Dunkelheit von Kosacken überfallen und da wir, vor Kälte erstarrt, nicht fechten konnten, so suchte Jeder den Feinden, wie er vermochte, zu entkommen.

Ich irrte die Nacht auf einer unermesslichen Ebene umher; ein scharfer Wind hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher, vom Himmel senkten sich gleiche massen nieder, die sich mit den vom Boden emporgewirbelten vereinigten. Bei jedem mühsamen Schritt sanken die Füsse bis an die Kniee in den Schnee, der den Boden Ellenhoch bedeckte, so dass es schien, als ob alle Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten Elementen Preis gegeben sei, denn der Wind wurde immer kälter und schneidender, und die dünne Uniform konnte mich gegen diess Ungemach nicht schützen. Alle meine Besitztümer wie meine Dienerschaft waren zerstreut, verloren, und ich hatte vor wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel zurücklassen müssen, den ich in einer rauchenden Hütte abgelegt hatte, die mir ein augenblickliches Obdach gewährte, um ihn am Feuer und Rauch zu trocknen. In diesem trostlosen Zustande fühlte ich nur noch dunkel die notwendigkeit, mich fortwährend zu bewegen, wenn ich mein Leben erhalten wolle. Mit höchster Anstrengung setzte ich meine Wanderungen fort, selbst völlig erblindet, denn der Wind trieb mir den Schnee in's Gesicht; dieser blieb an den Augenliedern hängen, die sogleich zufroren. Endlich waren meine Kräfte erschöpft; trotz der grossen Kälte bemeisterte sich eine unwiderstehliche Schläfrigkeit meiner, und ich glaube, ich würde nach wenigen Minuten niedergesunken sein und würde, wie so viele Tausende, mein Leben durch die Gewalt der furchtbaren Elemente verloren haben, wenn nicht eine rauhe Hand die meine ergriffen und mich in eine kleine Hütte gezogen hätte, der ich mich, ohne es in meiner Blindheit zu bemerken, genähert hatte. Die grosse Hitze in der Hütte liess den Schnee schmelzen, mit dem mein Gesicht bedeckt war, und meine Augen öffneten sich. Ich erkannte, dass ich mich unter Kosacken befand, die hier die Nacht zugebracht zu haben und der Kälte draussen eine gleiche Hitze in ihrer Hütte entgegensetzen zu wollen schienen. Dieser plötzliche Wechsel der Luft betäubte mich vollends, und ich sah die Gestalten sich nur wie Schatten in dem in der Hütte verbreiteten Rauch bewegen. Der Anführer dieses kleinen Trupps bemerkte es vielleicht, dass ich dem tod nahe war. Er trat zu mir, schüttelte meine Hand, und das braune, kriegerische Gesicht blickte mich gutmütig an; er sprach einige Worte, die mich vermutlich ermuntern sollten; ich verstand aber seine Gebehrden besser; er reichte mir nämlich eine Flasche hin und deutete an, ich solle trinken. Ich tat es und fühlte, wie die Wärme des Getränks wohltätig auf mich einwirkte, zugleich aber meine Müdigkeit sich erhöhte. Auf einige Worte ihres Anführers hatten zwei Kosacken mir die völlig durchnässte Uniform ausgezogen. Sie bekleideten mich mit einem gemeinen Soldatenmantel und setzten mir eine ähnliche Mütze auf. Ich liess Alles mit mir geschehen, ich war völlig betäubt und willenlos; ich weiss nur noch, dass ich auf einen für mich bereiteten Haufen Stroh sank und in einen so tiefen Schlaf fiel, dass ich nichts mehr vernahm, was in der Hütte vorging.

Ich mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als ich durch heftiges Rütteln aus diesem todtenähnlichen Zustande erweckt wurde. Man deutete mir an, dass wir weiter ziehen müssten, und reichte mir grobes Brod, gesalznes Fleisch und gemeinen Branntwein als Frühstück. Ich verschlang diese dürftige Nahrung und sah mich dann vergeblich nach meiner Uniform um; sie war verschwunden, zugleich vermisste ich meine Uhr, mein letztes Besitztum von Wert, und die wenigen Goldstücke, die ich bei mir getragen hatte. Ich sah also wohl, dass mein tiefer Schlaf von den behenden Kosacken nicht unbenutzt gelassen war. Da ich aber den Kriegsgebrauch kannte, so erhob ich keine vergebliche Klage und bequemte mich, in der demütigen Kleidung eines gemeinen französischen Soldaten mit meinen Ueberwindern, die sich im Uebrigen aber menschlich zeigten, den Weg in eine trostlose Gefangenschaft anzutreten.

Ein kurzer Schimmer von Hoffnung leuchtete mir noch ein Mal. Wir stiessen auf einen teil eines französischen Regimentes. Die Kosacken wurden angegriffen, sprengten nach ihrer Art zu fechten sogleich aus einander und entflohen einzeln mit Blitzesschnelle dem überlegenen Gegner, und ich blieb in der Gewalt der Franzosen. Ehe ich aber noch gelegenheit finden konnte, mich mit dem Officier zu erklären, stiessen wir auf neue Feinde, und nach einem kurzen Gefecht, in welchem der Officier blieb, gerieten wir in deren Gewalt, und meine Befreier waren meine Mitgefangenen geworden.

Ich