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um einige Ruhe zu geniessen, ergriff ein Jeder die für ihn bestimmten Briefe, um nur Einiges flüchtig zu lesen, und sich vorläufig von Evremonts Wohl und der Fortdauer seiner Liebe zu überzeugen. Der Graf besonders konnte das an ihn gerichtete Schreiben nicht so bald beendigen, da es den ganzen Lauf der begebenheiten entielt, die den Schreiber seit der Schlacht bei Borodino betroffen hatten. Man beschloss also, diess alles in seinem ganzen Umfange gemeinschaftlich nach der Abreise des Fremden zu lesen, um gegen den, der so hoch beglückende Nachrichten gebracht hatte, die Erfüllung der Gastfreundschaft nicht zu versäumen.

Auf seine Erkundigungen erfuhr der Graf, dass sein Gast in einen sanften, tiefen Schlaf versunken war. Er befahl ihn nicht zu stören, da der junge Krieger dieser Erholung vor Allem zu bedürfen schien, und begab sich zu dem General Clairmont, um ihm die Freude mitzuteilen, die so eben die Familie beglückte. Gott sei gelobt, dass er lebt! rief der General, den eigenen Trübsinn bei dieser Nachricht vergessend. Ich gestehe Dir, fuhr er fort, ich habe oft im Stillen gefürchtet, wir würden nie wieder von ihm hören, und mochte nur meine Furcht nicht zeigen, um Euch nicht die Hoffnung zu nehmen, die Ihr, wie es mir schien, aller Wahrscheinlichkeit zuwider hegtet.

Willst Du nun nicht wieder teil an der Gesellschaft nehmen? fragte der Graf; willst Du nicht den jungen Mann selbst über Evremont sprechen?

Nein! rief der General verdrüsslich nach kurzem Schweigen. Ich will den Russen nicht sehen. Nun eilen sie alle nach Frankreich, und meinen dort leicht Lorbeeren zu gewinnen und unsern Ruhm zu verdunkeln; ich mag solchen anmassenden Menschen gar nicht sprechen. Morgen, wenn er abgereist ist, dann teile mir aus Evremonts Briefen alles mit, was nicht allein für die Familie gehört, und Du wirst sehen, dass ich mich Euers Glückes freuen kann; aber heute erlaube mir allein zu bleiben. Der Graf, der die Freiheit seiner Gäste nicht zu beschränken wünschte, fügte sich in den Willen seines Freundes, und als er diesen nach einiger Zeit verliess und in den Saal zurückkehrte, fand er die Gesellschaft dort versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestärkt, von den Frauen umringt, die alle verlangten, er solle von Evremont erzählen, und ihn desshalb mit tausend fragen bestürmten. Der junge Mann wusste eigentlich nichts weiter zu sagen, als dass er als Courier nach Petersburg gesendet worden, und da ihm die Zeit bestimmt sei, in welcher er wieder bei seinem General eintreffen müsse, und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt, so habe er durch angestrengte Eile es so einrichten können, dass ihm Zeit geblieben sei, einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen, deren Güter in unbedeutender Entfernung von der Strasse lägen, die er habe verfolgen müssen. Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden, indem ihn sein Vater als Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe. Den Abend vor seiner Abreise habe ihn der liebenswürdige, von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend gebeten, ein Paket an den Grafen Hohental zu besorgen, und da er sich überzeugt habe, dass sein Weg ihn nahe bei dessen schloss vorbeiführen müsse, so habe er sich entschlossen, das Paket, an dessen Beförderung dem Hausgenossen seiner Eltern so viel zu liegen schien, selbst zu besorgen, obgleich ihm dieser nicht gesagt, dass er der Sohn des Hauses sei.

Die Frauen waren über diese Zurückhaltung Evremonts sehr erstaunt. Den Grafen, der das an ihn gerichtete Schreiben flüchtig durchgesehen hatte, schien sie weniger zu befremden; er sagte nur lächelnd: Die Umstände, unter welchen mein Sohn das Haus Ihres würdigen Vaters betrat, würden vielleicht Zweifel an seiner Wahrheitsliebe erregt haben, wenn er sich Obrist und den Sohn eines Grafen hätte nennen wollen. Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen, aber ich glaube nach dem, was ich schon daraus ersehen habe, dass wir nie im stand sein werden, die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie abzutragen. Der junge Mann schwieg etwas verwirrt; er mochte es nicht sagen, dass ihm während des kurzen Aufentalts im haus seiner Eltern Evremonts Dasein völlig unbedeutend vorgekommen war, dass er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei, als dieser ihn so dringend gebeten, ein grosses Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen, und dass Neugierde mehr als Teilnahme ihn bestimmt habe, selbst der Ueberbringer zu sein, indem er zu erfahren gehofft habe, in welchem Zusammenhange Evremont mit diesem Grafen stehe, ohne dass er irgend erwartet habe, ihn als Sohn des Gräflichen Hauses bei dieser gelegenheit kennen zu lernen.

Der Tag verschwand, den man dem gast so angenehm als möglich zu machen strebte, und am folgenden Morgen führten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner Bestimmung entgegen. Der General, der den Fremden hatte abreisen sehen, erschien nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen, ihm alles über Evremont mitzuteilen, was die Teilnahme des Freundes erregen könne. Der Graf, der die Blätter schon durchgesehen hatte, war bereit sie vorzulesen, da sie Evremont, wie er oft tat, in französischer Sprache geschrieben hatte.

Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau, wie sie in ihren Erwartungen sich getäuscht gesehen hätten, als sie die beinah gänzlich von den Einwohnern verlassene Stadt betraten, den furchtbaren Brand und den noch furchtbarern Rückzug. Mein Regiment