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Unterhaltung wurde unterbrochen, indem Jemand mit Heftigkeit die nach dem Vorzimmer führende Tür aufriss.

Die Schwäche des Alters hatte den Haushofmeister vermocht, darauf Verzicht zu leisten, seine herrschaft beim Frühstück zu bedienen, denn er musste länger ruhen, als es sich mit diesem Geschäft vereinigen liess. Nichts konnte ihn aber dahin bringen, dass er nicht die wenigen Ueberreste seiner silberweissen Haare jeden Abend in Papilloten gelegt, und am andern Morgen gehörig frisirt und gepudert hätte, um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Gräfin zu erscheinen, ihre Befehle zu vernehmen. Wie sehr mussten also alle Anwesenden erstaunen, als sie Dübois erblickten, der mit einem ihm fremden Ungestüm die tür aufriss und dessen Anblick bewies, dass er das Werk, sein würdiges Haupt mit einer anständigen Frisur zu schmücken, erst halb vollendet habe, denn nur die rechte Seite war in gewohnter Ordnung; über dem linken Ohre aber flatterten noch die Papilloten, die seine wenigen Haare gefesselt hielten. Auch trug er noch seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln. Das Ungewöhnliche dieses Anblicks wurde noch durch die unnatürlich funkelnden Augen des Greises und die tiefe Röte seiner Wangen erhöht. Erschrocken waren alle Anwesenden aufgestanden, und der Graf trat dem alten mann besorgt entgegen, der nicht sprechen konnte und um dessen Lippen ein ängstigendes Lächeln schwebte. Endlich keuchte er mühsam hervor: Nachrichten, Nachrichten von unserm Grafen! Wo? durch Wen? tönte es von allen Lippen, und Alle umringten den Greis, der auf die Tür deutete. Der Graf stürmte nach dem Vorzimmer und führte gleich darauf einen jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal. Lebt er? Ist er gesund? Nicht verstümmelt? Haben Sie ihn gesehen? so tönten die fragen, ihn betäubend, rund um den jungen Mann. Ich habe, sagte er endlich, für Sie, Herr Graf, Briefe von Herrn Evremont.

Vom Grafen Evremont, verbesserte Dübois laut, der sich etwas erholt hatte, aber noch nicht so sehr, dass er das Unschickliche seiner Kleidung hätte bemerken können.

So lebt mein Sohn! sagte die Gräfin mit bebender stimme und drängte sich zu dem jungen Krieger. O! sprechen Sie, wo lebt mein Sohn, und ist er gesund? Werden wir ihn mit reiner Freude in unsere arme schliessen?

Der junge Mann, den, wie es schien, die vornehme Umgebung und alle die Anzeichen des Reichtums, die er vielleicht mit Evremont in seinen jetzigen Verhältnissen niemals in Verbindung gedacht hatte, etwas in Verwirrung setzten, sagte: Wenn es derselbe ist, von dem ich Ihnen Briefe bringe, der lebt, und ich habe ihn gesund bei meinen Eltern verlassen. Er ging hierauf nach dem Vorzimmer zurück und brachte ein versiegeltes Paket, das er dem Grafen reichte. Alle drängten sich hinzu, auch Dübois; Alle erkannten sogleich die Züge der geliebten Hand. Ein allgemeiner Ausruf der Freude entschwebte allen Lippen. Der Graf hielt seine Tränen nicht zurück und sagte: Sie sind uns ein Bote des himmels, Sie bringen nach jahrelangen Leiden Trost und Ruhe meiner kummervollen Familie.

Die Gräfin fasste mit ihren bebenden Händen die Hand des jungen Mannes und sagte fast schluchzend: Im haus Ihrer Eltern lebt mein Sohn? O! wenn Sie nach überstandenen Gefahren zu Ihrer Familie zurückkehren, dann wird Ihre Mutter fühlen, welchen Trost Sie mir heute gebracht haben. Emilie hob ihr schönes Kind empor und sagte, indem sie die Tränen ungehindert fliessen liess, die wie Perlen über die in erhöhter Farbe brennenden Wangen flossen: Sieh, Adalbert, dieser Herr bringt Nachricht von Deinem Vater. Der Kleine missverstand die Mutter, und indem er die zarten kleinen arme um den Nacken des jungen Mannes schlang und mit den roten Lippen, wie mit frischen Rosen, die gebräunten Wangen des fremden Kriegers berührte, fragte er: Bringst Du meinen Vater mit?

Vom Gefühle der Rührung überwältigt, zog der junge Mann das Kind von den Armen der Mutter, und dessen schöne Augen küssend, sagte er: Wie sprechend sieht er seinem Vater ähnlich! Das Kind, das die Frage, die es eben getan, schon wieder vergessen hatte, spielte ruhig an der Brust des Fremden mit den sich vielfach kreuzenden Schnüren an dessen Uniform, die seine ganze Aufmerksamkeit erregte.

Der Sturm des Entzückens legte sich endlich. Der übermässig quellende Strom der Freude floss sanfter, und Dübois bemerkte mit Entsetzen, wie sehr er durch seine unanständige Kleidung die gewohnte Ehrerbietung gegen die gräfliche Familie verletzt habe. Er entfloh beschämt, um seinen Anzug eilig zu vollenden.

Der fremde Offizier machte endlich eine Bewegung sich zu entfernen, doch die ganze Familie bestürmte ihn mit Bitten diesen Tag zu bleiben. Er gestand, dass er zwei Nächte gereist sei, um seinem Freunde Evremont Wort halten zu können und dessen Briefe selbst zu überreichen, dass er aber nun einiger Ruhe bedürfe und dann schleunig aufbrechen müsse, um zur bestimmten Zeit bei dem General einzutreffen, der ihn nach Petersburg gesendet habe und zu welchem er nun zurückkehre. Der Graf berechnete die Zeit, und versprach für Courierpferde zu sorgen und eine ziemliche Strecke ihn durch eigene Pferde zu befördern, und so liess es sich machen, dass der junge Mann bis zum andern Morgen bleiben konnte. Dübois, der nun völlig gekleidet und gehörig gepudert wieder eingetreten war, übernahm mit grosser Freude den Auftrag, für die Bequemlichkeit des Fremden zu sorgen, und es versteht sich, dass er diese Pflicht auf's Beste erfüllte.

Als der junge Offizier sich entfernt hatte,