war und nur der starke Blutverlust seine grosse Entkräftung veranlasst hatte, so hatte er sich nach einigen Tagen in so weit erholt, dass er sein Lager verlassen durfte, und der Graf beredete ihn, wenigstens einige Stunden des Tages in der Gesellschaft der Frauen zu verleben. Seitdem so viele ernste Sorgen den Grafen beunruhigten, war die Furcht in seiner Seele schwächer geworden, dass sein Freund seine Gemahlin wieder erkennen möchte, und seit ihr Gemahl alle ihre Schmerzen kannte, hatte sich die scharfe Reizbarkeit der Gräfin verloren, und da sie wenigstens den Sohn wieder gewonnen hatte, so erbebte sie nicht mehr vor dem Klange der französischen Sprache.
Viel leichter als früher konnte also der General Clairmont ein Mitglied des Kreises werden, der sich täglich im saal um die Gräfin versammelte, und ob gleich durch die letzten Ereignisse seines Lebens seine Stimmung ernster geworden war, als sie es ehedem zu sein pflegte, so liess sich nicht verkennen, welche Gewalt auf ihn, wie auf alle Franzosen, der Umgang mit Frauen ausübte. Es währte nicht lange, so wachte ein schwaches Verlangen wieder in ihm auf, witzig, heiter, geistreich in diesem liebenswürdigen Kreise zu erscheinen, und da von Seiten der Frauen Alles versucht wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, so kehrte nach und nach Gesundheit, und mit ihr grössere Ruhe des Gemüts in die Seele des Generals zurück, wodurch die Heilung seiner Wunden sichtlich erleichtert wurde.
Durch die Bemühung den Freund zu erheitern wurde der Graf und seine Familie mehr von dem eigenen Kummer abgezogen, und Emilie machte sich oft ernstafte Vorwürfe darüber, wenn sie auf die Bitte des Generals sang, dass die Musik die gewohnte Macht auf ihre Seele ausübte und die sorge auf kurze Zeit aus ihrem Herzen verdrängte. Adele, die nie den Mut gehabt hatte, an Evremonts Rückkehr zu zweifeln, und der die dürftigen Nachrichten, die der General geben konnte, eine Bestätigung ihrer Hoffnung waren, tadelte die liebende, zärtliche Emilie ernstlich über solche Selbstanklagen und behauptete, dass ihre Liebe für Evremont weit erfreulicher sein würde, wenn sie sich durch dieselbe bestimmen liesse, auf ihre Schönheit und Gesundheit zu achten, und alle vom Himmel verliehenen Fähigkeiten auszubilden, damit, wenn er nach unendlichen Mühseligkeiten endlich zurückkehrte, sie ihm jugendlich froh, mit ihrem schönen kind an der Hand, entgegen eilen könnte, und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhöhte Ausbildung früherer Fähigkeiten auf's Angenehmste zu überraschen vermöchte. Die Gräfin war wenigstens zum teil derselben Meinung und sagte oft: Ich fühle, dass wir besser tun würden, uns für Evremont zu erhalten, als dass wir uns aus Gram um ihn zerstören, der ihm nicht helfen kann, und der ihm, wenn wir daran untergehen, bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet. Aber ich bin zu schwach geworden, ich kann nicht mehr ausüben, was ich als vernünftig erkenne, meine Seele hat die Jugendkraft verloren.
Der General Clairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzählen. Das früh entwickelte Kind ergötzte ihn durch unschuldige fragen, die mehr Geist verrieten, als sonst bei Kindern von so zartem Alter gewöhnlich ist. Ob wohl mein Napoleon auch so klug sein wird! rief dann der General. Mir schien es immer, als ob der kleine Eugen des armen Bertrand mehr Geist verriete, als mein eigener Sohn.
Tage und Wochen waren entschwunden, und der General, dessen Wunden beinahe geheilt waren, fühlte sich täglich einheimischer in der Familie seines Freundes. Ja, er würde heiter geworden sein, wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden seiner Seele getrübt hätte; aber Frankreich war in Gefahr, seinen Ruhm verdunkelt zu sehen, den Ruhm, wofür das Blut so vieler Tausende geflossen war. Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Missmut in sein Herz zurück, und als mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbündeten über den Rhein schritten und den Krieg auf Frankreichs Boden führten, da gränzte seine Stimmung an Verzweiflung, und ob er gleich hoffte, dass jeder Franzose fühlen würde wie er, und dass jeder Bewohner des schönen Landes den geliebten Boden bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen würde, so machte ihn doch seine eigene Ohnmacht trostlos, und er fand es schmachvoll, aus der Ferne zusehen zu müssen und nicht um die teuersten Güter mitkämpfen zu dürfen. Dabei bildete er sich ein, die Freude über die für Frankreich unglücklichen Ereignisse auf der Stirn des Grafen zu lesen, und so zog er sich heimlich grollend zurück und war beinah immer in seinen Zimmern allein. Da auf diese Weise der Zweck, wesshalb man zerstreuende Unterhaltungen veranlasst hatte, nicht mehr erfüllt wurde, so behauptete die herzzernagende sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung erdrücken zu wollen. So ängstlich presste sie Aller Herzen zusammen, so trübe und schwer lastete sie auf jedem Sinn, und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn begann sehr düster für die trauernde Familie.
XII
Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Hälfte des Januars. Die Familie des Grafen war ohne den General, der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale grollte, im saal beim Frühstück versammelt. Der Graf sprach von den Fortschritten der Verbündeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters, des Grafen Robert, vor, den dieser gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu senden, und aus dem sich ergab, dass die Stimmung in Frankreich gar nicht so allgemein für den Kaiser wäre, wie es der Gereral auf's Hitzigste zu versichern pflegte. Diese friedliche