will Dir nicht, fuhr der General nach einigem Schweigen fort, eine Beschreibung von dem Elende machen, das wir auf diesem ganzen unglücklichen Rückzuge erdulden mussten. Der Soldat, dessen Kind ich gerettet hatte, schloss sich an mich an, und ich gestehe Dir, ohne ihn wäre ich im Elende verschmachtet. Die Verhältnisse, in denen er aufgewachsen war, hatten ihn sinnreicher als mich gemacht, Mittel aufzufinden, um unser Dasein zu fristen. Als wir uns zum ersten Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr, dass er einem Generale die Erhaltung seines Kindes verdankte, wurde dadurch seine anhänglichkeit noch gesteigert, und er war mir mit wahrhafter Schwärmerei ergeben. Ich sorgte jetzt für ihn und es ging uns einige wenige Tage besser; aber als auf diesem unglücklichen Rückzuge alle Hoffnungen untergingen, da brach von Neuem ein Elend auf uns herein, das ich vergeblich zu beschreiben versuchen würde, und ich muss es wie ein Wunder betrachten, dass sowohl ich, als er und das Kind den deutschen Boden erreichten. Durch übermässige Anstrengungen gelang es dem Braven, unser Dasein zu fristen, und durch Entbehrungen aller Art bis zum tod ermattet, trugen wir abwechselnd sein Kind, denn es war nicht mehr möglich uns ein Pferd zu verschaffen; die beklagenswerten Geschöpfe waren längst vernichtet. Als wir den deutschen Boden erreicht hatten, beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu gönnen, und die Bequemlichkeiten, die der elende Gastof eines kleinen Städtchens an der polnischen Gränze bot, dünkten uns köstlich. Mein braver Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei mir zurückgelassen; jedoch er kehrte bald zurück mit Wein und allen guten Dingen beladen, die in dem kleinen Orte zu erreichen waren. Ich betrachtete ihn mit Erstaunen; doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle anderen Empfindungen zum Schweigen und erst, nachdem wir alle gesättigt waren, fragte ich meinen Unglücksgefährten, woher er die Mittel zu nehmen gedenke, um solchen Aufwand zu bestreiten. Listig lächelnd verriegelte er die Tür unsers schlechten Zimmers von innen, ergriff dann ein Messer und trennte die Näte seiner in Lumpen verwandelten Kleider auf, und zu meinem Erstaunen wurden mehrere Goldstücke sichtbar. Als er sein Geschäft beendigt hatte, legte er das Geld vor mir auf den Tisch und sagte, indem eine Träne in seinem kühnen Auge glänzte: Auch diess verdanken wir der guten Frau, der Mutter meines Kindes. Du glaubst nicht, wie tief mich diese einfachen Worte erschütterten. Ich muss mir jetzt zwar sagen, dass die Unglückliche auch ohne mich vielleicht ein leichtsinniges geschöpf geworden wäre; aber läugnen kann ich mir nicht, dass ich sie auf die Bahn des Verderbens geführt habe, und die ich mit Hohn behandelte, als ich sie das letzte Mal sprach, reichte mir nun gleichsam aus ihrem nassen grab die Mittel zum Leben. Die Not des Augenblickes besiegte jedes andere Gefühl; das Gold gewährte uns nun Mittel um Frankreich zu erreichen, denn die schwachen Reste meiner Regimenter früher zu treffen, durfte ich nicht hoffen, da sich alle Ordnung aufgelöst hatte und Jeder fortzukommen suchte, wie er konnte. Jetzt, da wir uns wieder gekleidet hatten und bequemer reisten, erfuhr ich von meinem treuen Begleiter, dass er in Evremonts Regiment als Unteroffizier gedient habe, und dass er dessen Vorsorge die Mittel verdanke, die uns so wohl zu Statten kamen, weil er seiner Gattin diess Geld als Erbschaft von einem harterzigen Bruder verschafft habe.
Der Graf hatte mit höchster Spannung die Erzählung seines Freundes gehört. Schon lange war es ihm gewiss, dass der Begleiter des Generals derselbe Unteroffizier sei, dessen Evremont in seinen Berichten aus Spanien gedachte. Jetzt aber, da sein Freund den Namen des betrauerten Sohnes aussprach, hielt er sich nicht mehr zurück und unterbrach die Erzählung mit dem heftigen Ausrufe: Um Gottes Willen, sage mir, was wusste Dein Begleiter von meinem Sohne? Wenig, erwiderte der General; sein ganzes Regiment war kurz vor dem Uebergange über die Beresina aus einander gesprengt worden, und der brave Soldat hatte seinen tapferen Obristen seitdem gänzlich aus den Augen verloren. Doch war er, so lange er etwas von ihm wusste, unerwartet glücklich ohne Wunden geblieben, trotz der Kühnheit, mit welcher er sich allen Gefahren aussetzte, und, was noch mehr sagen will, ohne erfrorne Glieder, und er ist wahrscheinlich in russische Gefangenschaft geraten. Es lag ein Trost für den Grafen in diesen dürftigen Nachrichten und er hinderte den Fortgang der Erzählung nicht, die sein Freund wieder begann. Wir erreichten endlich Paris, sagte er mit einem tiefen Seufzer, und hier erwartete mich neuer Jammer. Ich betrat mein Haus und fand es verödet. Meine Gattin, die ich in der Hoffnung zurückgelassen hatte, mir zum zweiten Mal Vaterfreuden zu gewähren, war durch die Geburt einer toten Tochter so angegriffen worden, dass sie wenige Tage danach starb, und man schrieb diess Unglück der immerwährenden Angst um mein Schicksal zu. Man brachte mir meinen Sohn, dessen lächelndes Gesicht einen seltsamen Gegensatz gegen die Trauerkleider bildete, in die man das kleine geschöpf gehüllt hatte. Ich hob meinen kleinen Napoleon zu mir empor, und indem ich ihn küsste, wiederholte ich unwillkührlich die Worte des braven Soldaten und sagte: Ertrage auch das, mein Herz; Du mein Sohn musst künftig mein einziger Trost sein. Mein Begleiter stand neben mir, und seine eigenen Worte aus meinem mund rührten ihn bis zu Tränen.
Gab uns der Kaiser nicht Zeit, um uns zu erfreuen