1836_Bernardi_007_225.txt

Graf drückte die Hand des Freundes zum Zeichen, dass er bereit sei zu hören, und dieser fuhr fort: Du weist, dass ich mich in Paris verheiratet hatte. Ich besass eine junge, schöne, reiche und liebenswürdige Frau, und diess wäre ein grosses Glück gewesen, wenn uns Napoleon verstattet hätte, ein solches Glück zu geniessen; aber bald in Spanien, bald in Deutschland und im hohen Norden kämpfend lebte ich getrennt von meiner Gattin, und das kurze, flüchtige Beisammensein, das die Umstände zuweilen erlaubten, diente nur dazu, den Schmerz der Trennung zu schärfen. Indem ich mir bewusst war ein grosses Vermögen zu besitzen, musste ich Entbehrungen erdulden, die zu schauderhaft sind, um sie zu wiederholen; und nicht allein in meiner Brust entstand ein Unwillen über Kriege, deren Zweck wir nicht einzusehen vermochten, sondern die Stimmung wurde ziemlich allgemein in der Armee, besonders, als der entsetzliche Rückzug aus Moskau angetreten werden musste. Die furchtbarste Kälte, der schauderhafteste Mangel wütete mehr als der Feind in unseren Schaaren, und der Einfluss dieses Elends war so mächtig, dass alle Bande der Ordnung und des Gehorsams sich auflösten. In diesem Zustande war jedes Gefecht für uns verderblich, und als endlich der Uebergang über die Beresina möglich wurde, drängte sich Alles ohne Ordnung hinzu, Heil und Rettung am jenseitigen Ufer hoffend. Auch ich, zu Fuss, in Lumpen gehüllt, auf mein Schwert wie auf einen Stab gelehnt, drängte mich der brücke zu, um hinüber zu gelangen, und hielt mich vorsichtig in der Mitte des Menschenstroms, um nicht, wie viele Andere, seitwärts in den Fluss gedrängt zu werden und in den Wogen zu versinken. Die furchtbare Kälte, mit dem Mangel vereinigt, hatte jedes andere Gefühl als die dumpfe sehnsucht, sich selbst zu erhalten, in der Brust der Menschen ersterben lassen, und auch ich dachte nur an mich und sah mit wahrhaft tierischer Fühllosigkeit Viele in den Strom sinken. Endlich traf ein kreischender Ton mein Ohr, der mir bekannt klang, wie rauh und scharf das Elend auch die stimme gemacht haben mochte, die ihn klagend ausstiess. Ich blickte unwillkührlich nach der Seite hin, von woher er schallte, und meine Augen trafen auf ein Weib, die mühsam in der Menge den Durchgang zu erkämpfen strebte und ein Kind hoch empor hielt, um es im Gedränge gegen Verletzung zu sichern. Die Unglückliche konnte, umringt von Menschen, nicht bemerken, dass sie gerade nach dem Flusse hingedrängt wurde. Die Vorderen stürzten hinein und erhoben ein Klagegeschrei. Sie wendete den Kopf, um wo möglich die Ursache zu erspähen, die sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte, und ihre Augen trafen auf mich. An diesen dunkeln, glänzenden Augen, die als letzte Spur der Schönheit ihr geblieben waren, erkannte ich die arme. Tausend Mal hatte ich diese Augen geküsst, tausend Mal hatten die süssen, halb schalkhaften, halb zärtlichen Blicke ein warmes Gefühl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen, und nun erblickte ich sie im höchsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst wieder. Denn obgleich, als die Vorderen in den Fluss stürzten, sich ein Geschrei des Entsetzens erhob und die nächsten zurück zu drängen versuchten, so war die Masse der Folgenden, die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten, sie drängten auf die brücke zu, zu gross; immer mehr mussten ihrem Schicksal erliegen, und auch die Unglückliche, die in diesem Augenblicke meine ganze Teilnahme erregte, war ihrem Verderben nah. Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein furchtbarer Schrei tönte zu mir herüber. Ich weiss nicht, ob sie mich in dieser Angst erkannte, aber mir schien es, als richte sie den Ruf um hülfe an mich, und ich weiss noch nicht, wie es geschah, ich stand in demselben Augenblicke an ihrer Seite. Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zurückreissen und fasste in der bis zur fürchterlichsten Angst gesteigerten Teilnahme ihr Kind, das sie in demselben Augenblicke losliess, indem sie vorwärts gedrängt wurde in den nassen Tod. Sie richtete noch einen letzten blick flehender Zärtlichkeit auf michund die Wogen rissen sie hinweg.

Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter stimme fort: Es schien, als ob diess das letzte Opfer sein sollte, das in den Wogen unterging. Man kam zur Besinnung; die Nachstrebenden erkannten die Gefahr, und es gelang mir mit dem kind mich zurück zu kämpfen und die brücke zu erreichen. Kaum hatte sie mein Fuss berührt, als ein Mann sich herbeidrängte, mit allen Zeichen der Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie: Mein Weib! mein Kind! mein armes Weib! mein unglücklicher Sohn! Er erblickte endlich das Kind in meinen Armen, riss es an sich und rief mit erlöschender stimme: Wo, wo ist mein Weib? Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom. Er erbleichte wie ein Sterbender; doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut in seine Wangen zurück; er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit männlicher stimme: Ertrage auch das, mein Herz! Er küsste hierauf das Kind und sagte: Jetzt, Eugen, musst Du mein einziger Trost sein. Es schien, als ob er, das Kind in den Armen, alle männliche Kraft der Seele und des Körpers wieder gewonnen hätte. Er drang, mir Bahn brechend, wie ein Verzweifelnder vorwärts, und wir erreichten das jenseitige Ufer.

Ich