und mich mit so unnützen Sorgen? Ich habe Ihnen ja den Beweis, wie ich handle, recht eigentlich in die Hand gegeben; ich habe Ihnen ja einen verwundeten Franzosen selbst in's Haus gebracht, nachdem ich auf's Beste für ihn gesorgt hatte. Sie haben sich also selbst davon überzeugen können, wie grossmütig ich unsere heillosen Feinde behandle. dafür wird Gott Sie segnen, sagte Dübois mit bewegter stimme, denn wenn der Krieg auch ein notwendiges Uebel ist, so ist die Grausamkeit doch gewiss nie zu entschuldigen. Der Arzt reichte dem Greise zum Abschiede die Hand und drückte dabei dessen Hand so heftig, dass er den Schmerz wieder von Neuem aufregte, der sich bei dem alten mann seit der nachdrücklichen Begrüssung des vorigen Abends noch nicht aus diesem Gliede verloren hatte.
Als sich der Arzt von Dübois getrennt hatte, suchte diesen der junge Torfeld auf, um in der Stille von seinem väterlichen Freunde Abschied zu nehmen. Der alte Mann hatte den jungen Krieger nicht mehr Du nennen wollen und ihn mit Sie angeredet; doch Gustav Torfeld forderte alle Rechte der Liebe zurück, und man sah, dass es dem Greise erfreulich war, sich wie ein Vater geehrt zu fühlen und das verhältnis früherer Vertraulichkeit zu erneuern. Ich kann es nicht tadeln, sagte er beim Abschiede dem jungen Mann, dass Du Dein Vaterland zu verteidigen strebst; aber bedenke, dass Frankreich das meinige ist, wenn Du seinen Boden betreten solltest, und sorge dafür, dass Deine Krieger menschlich verfahren. Torfeld versprach diess um so bereitwilliger, da sein eigenes Gefühl ihn aufforderte, Schonung zu üben, wo es sich irgend mit seiner Pflicht vereinigen liesse.
Der Graf Robert hatte von den Frauen Abschied genommen, die noch kaum Zeit gefunden hatten, alle fragen nach seiner Gattin und seinen Kindern an ihn zu richten, die ihnen am Herzen lagen. Er umarmte noch ein Mal seinen Oheim, der ihn in den Hof begleitete, wo die Pferde hielten, reichte dem alten Dübois freundschaftlich die Hand und schwang sich in den Sattel. Ihm folgte Torfeld, der mit derselben Leichtigkeit zu Pferde sass, indess der Arzt etwas mehr Mühe verwenden musste, um sein Tier zu besteigen, wobei ihm besonders das grosse Schwert hinderlich war. Die begleitenden Diener folgten, und bald hatte der Graf Alle aus den Augen verloren, und der kurze Aufentalt der Freunde dünkte den Bewohnern des Hauses wie ein Traum, als dieselbe Stille nun wieder in den Sälen und Zimmern herrschte, die auf kurze Zeit so erfreulich war unterbrochen worden.
XI
Es waren einige Stunden seit der Abreise der kriegerischen Freunde verflossen, als sich der Graf nach dem Zimmer des Generals begab und, indem er freundlich an dessen Lager trat, ihn lächelnd fragte: Willst Du mich noch länger von Deinem Angesicht verbannen? Die Frage kann nicht Dein Ernst sein, antwortete der General, indem er sich auf seinem Lager empor richtete und dem Grafen die Hand des gesunden Armes bot. Er zwang sich zum Lächeln, indem er hinzusetzte: Sehr verschieden von dem ersten Male siehst Du mich jetzt zum zweiten Mal unter Deinem dach. Dass diess möglich sein könnte, würde ich noch vor Kurzem nicht geglaubt haben.
Der Graf hatte während dieser Rede seinen Freund genauer betrachtet, und er erstaunte über die grosse Veränderung, die er bemerken musste. Auffallend alt war der General in den wenigen Jahren geworden, und die Heiterkeit, die sonst unzerstörbar in seinen Augen glänzte und um seine Lippen spielte, war durch eine finstere Schwermut verdrängt worden, die dem gesicht einen für den Grafen fremden Ausdruck gab. Auf die mit einiger Bitterkeit ausgesprochene Bemerkung des Generals erwiderte der Graf, um dessen trübe Stimmung zu mildern, dass der Krieg so manchen Wechsel des Geschicks herbei führe, dass man sich eigentlich über keinen wundern dürfe. Der General schwieg unmutig und fragte endlich: Sind Deine siegenden Freunde weiter gezogen?
Sie sind alle abgereist, antwortete der Graf. Aber vergib, fuhr er fort, ich kann es nicht mit dem ritterlichen Charakter eines französischen Kriegers vereinigen, dass Du so finster grollend einen glücklichen, tapferen Feind betrachtest. Du hast weder meinen Vetter noch seinen Freund sehen wollen, die doch, wie Du zugeben musst, nur ihre Pflicht erfüllten, indem sie Dich bekämpften, und ich gestehe Dir, dass es mich befremdet, zu sehen, dass Du Feindschaft bewahrst, wenn der Kampf geendigt ist, denn das ist gegen alle mir bekannte französische Sitte.
Du beurteilst mich ganz falsch, sagte der General; ich müsste eine lange geschichte erzählen, um Dich darüber aufzuklären. Es ist das Tragische des Krieges, dass gerade die bravsten Leute sich gegenseitig erschlagen, denn die Feigen suchen sich in Sicherheit zu bringen. Man gewöhnt sich an solche Erschütterungen wie an jede andere und achtet den braven Feind, der unsere braven Kameraden vernichtet; aber zuweilen ist ein solcher Fall mit so schmerzlichen Nebenumständen verbunden, dass man doch, wenn es möglich ist, den Anblick des Gegners meidet, wo man nur friedlich mit ihm zusammen treffen darf und ihm noch obendrein verpflichtet ist.
Es trat ein neues Schweigen ein. Der Graf hielt die Hand seines Freundes und betrachtete ihn stumm, denn er mochte nicht durch eine Frage, die zudringlich hätte erscheinen können, das Gespräch wieder erneuern. Endlich begann der General wieder die Unterredung, indem er sagte: Wenn ich Dir die letzten Ereignisse meines Lebens mitteile, wirst Du es natürlich finden, dass ich ernster gestimmt bin als früher.
Der