Alles wieder gefunden haben, wie er es verliess? Und ist es nicht unendlich schwerer, sich von einer Braut als von einer Frau zu trennen?
Das kommt auf die Ansicht an, sagte der Graf besänftigend. Und wenn Sie auch darin Recht haben, dass es im Allgemeinen nur ein Vorwand der Selbstsucht ist, die keine Opfer bringen will, wenn die Pflichten für die Familie vorgeschoben und als ablehnende Antworten die Redensarten gebraucht werden: ich bin meiner Familie diese Rücksicht schuldig, oder, ich kann diess vor meiner Familie nicht verantworten, so müssen Sie doch auch bedenken, dass nicht Jedermann mit solchem Heldenmut geboren wird, dass es ihm, wie Ihnen, möglich ist, der Pflicht jedes Opfer zu bringen.
Der Arzt wurde durch die Anerkennung seines Verdienstes besänftigt, und die wenigen Worte des Grafen, die ihm schmeichelhaft waren, machten ihn mehr zur Versöhnung mit dem Prediger geneigt, als alle Versuche Torfelds, der den Geistlichen zu verteidigen und so die Vereinigung der alten Freunde zu bewirken suchte; und als der Graf im Laufe des Gesprächs noch die Bemerkung machte, dass eine Gemeinde, die von ihrem Prediger verlassen sei, Gefahr laufe, moralisch zu verwildern, so gab der Arzt zu, dass sein Freund andere Pflichten zu erfüllen habe als er, und die Versöhnung ward in seinem Gemüte beschlossen. Unter andern kleinen begebenheiten, die der Arzt bei der nun ruhiger fortgesetzten Unterhaltung erwähnte, teilte er auch die Nachricht mit, dass der alte Lorenz wenige Tage vor seiner Abreise völlig kindisch gestorben sei, und fragte, ob der Pfarrer nicht die schuldige Anzeige gemacht habe. Der Graf erwiderte, dass er seit der ersten Bewegung der Truppen gar keine Briefe erhalten habe, und man ging leicht über das Ende eines Menschen hinweg, der durch sein Leben weder achtung noch Teilnahme verdient hatte.
Adele fragte den Arzt, warum er sich so kriegerisch gerüstet habe, da doch sein Beruf selbst auf dem Schlachtfelde nur friedlich und heilbringend sei. Meine Absicht ist, erwiderte der Angeredete, Wunden zu heilen und, wenn ich es vermeiden kann, keine zu schlagen, aber, setzte er hinzu, indem er stolz um sich blickte und den Griff seines Schwertes fasste, es ziemt sich in zeiten der Gefahr, dass der Mann gewaffnet ist, und muss es sein, so werde ich mein Leben teuer verkaufen.
So sehr es dem arzt mit diesen Gefühlen Ernst war, so hatte doch sein ganzes Tun etwas so Komisches, dass, als er nach seiner Meinung wie ein Held in der Mitte seiner Freunde stand, Niemand eines leichten Lächelns sich erwehren konnte.
Die vorgerückten Stunden der Nacht erinnerten endlich Alle an die notwendigkeit einen kurzen Schlummer zu suchen, denn mit dem frühesten Morgen musste der Graf Robert mit seinen Begleitern aufbrechen, um zur gehörigen Zeit an dem ihm bestimmten Vereinigungspunkte einzutreffen, und man trennte sich mit erneuerten Gefühlen der Freundschaft und des Wohlwollens.
Am andern Morgen war der Arzt der erste, der sich vom Lager erhob, und nachdem er den fremden Wundarzt geweckt hatte, der in der Nacht angekommen war, führte er ihn zum General Clairmont und liess ihn in seiner Gegenwart den Verband um dessen verwundeten Arm erneuern, um sich von seiner Geschicklichkeit zu überzeugen. Als das Geschäft zu seiner Zufriedenheit beendigt war, fragte der General finster: Werden Sie mit Ihren Freunden heute noch weiter rücken? In einer halben Stunde, antwortete der Arzt. So empfehlen Sie mich dem jungen Grafen und seinem Freunde, und entschuldigen Sie es, so gut Sie vermögen, dass ich sie nicht vor ihrer Abreise zu sehen wünsche. Es ist nicht Mangel an achtung, fuhr der General fort, als er die Verwunderung des Arztes bemerkte, es ist meine finstere Stimmung, die mich eine völlige Einsamkeit wünschen lässt, desshalb entschuldigen Sie mich, ohne Jemanden zu beleidigen.
Der Arzt versprach seinen Auftrag auf die beste Art auszurichten, und der General fuhr fort: Da ich grossmütigen Feinden in die hände gefallen bin, so besitze ich die Mittel Ihnen ein Andenken anzubieten. Er reichte dem arzt einen wertvollen Ring, und auf dessen ablehnende Gebehrden setzte er hinzu: Beleidigen Sie mich nicht, indem Sie diese Kleinigkeit ausschlagen; ich will Sie nicht damit belohnen. Es soll Sie dieser Ring nur erinnern, wenn Ihnen andere Franzosen in die hände fallen, dass ich Sie bitte, diese eben so menschlich als mich zu behandeln. Der General hatte die letzten Worte mit bewegter stimme und abgewendetem Gesicht gesprochen, und der Arzt nahm den Ring mit dem grossmütigen Gefühl, einen besiegten Feind nicht kränken zu wollen. Er erhob seine stimme, um dem General zu versichern, dass jeder Hülfsbedürftige aufhöre sein Feind zu sein. Doch eine unmutige Gebehrde des französischen Kriegers verschloss ihm die Lippen, und er entfernte sich, als dieser kurz und trocken sagte: Und nun leben Sie wohl, Herr Doktor, und überlassen Sie mich der Ruhe, die ich vielleicht noch durch einige Stunden Schlaf finde.
Auf dem Gange vor den Zimmern des Generals konnte sich der Arzt nicht entalten, die blinkenden Steine des Ringes zu betrachten und zu berechnen, wie er sie zum Schmuck für seine Braut verwenden wolle, als er in diesen angenehmen Gedanken durch Dübois gestört wurde, der ihn hier erwartet hatte, um ihm dieselbe Bitte für die verwundeten Franzosen an's Herz zu legen, die der General mit einem so ansehnlichen Geschenk begleitet hatte. Aber, lieber alter Freund, rief der Arzt halb beleidigt, was quälen Sie sich