sah. Er war aufgestanden und trat auf die Terrasse hinaus, um sich unbemerkt seinem Kummer zu überlassen. Sein Vetter folgte ihm und fragte in leisem, ängstlichem Tone: Haben Sie Nachrichten von Adolph, bester Onkel? Seit der Schlacht von Borodino keine, antwortete der Graf, indem er die Hand des Verwandten heftig drückte. Ich fürchte, setzte er mit beinah versagender stimme hinzu, ich fürchte, wir werden nie mehr Rachrichten von ihm hören. Um Gottes Willen, hegen Sie nicht solche Gedanken, rief sein Vetter im wahrsten Mitgefühl; der Himmel erhält ihn Ihnen gewiss. Es wäre zu hart, wenn Sie, teurer Onkel, der Sie so viel Glück und Segen um sich verbreiten, so schmerzlich verwundet werden sollten. Lass uns davon schweigen, sagte der Graf sich ermannend, ich zeige seiner Mutter und Gattin nie meinen Schmerz; ich spreche zu ihnen immer nur von Hoffnungen, die ich oft selbst nicht mehr den Mut habe zu hegen. Aber Du kannst es der Mutter ansehen, ihr Leben hängt an diesem zarten Faden; die Gewissheit, dass der Sohn dahin ist, führt auch ihren Tod herbei.
Es ist wahr, sagte der Graf Robert, ich finde die Tante sehr verändert. Wir haben vielen Kummer in dieser Zeit erduldet, antwortete der Graf seufzend, indem er mit dem Vetter in den Saal zurück trat, wo er den Arzt mit auffallend lauter stimme sprechen hörte.
Die Gräfin hatte sich während der Abwesenheit beider Grafen nach der Familie des Predigers erkundigt, und zur Verwunderung der Frauen hatte diese Frage den Arzt in so heftigen Zorn versetzt, dass die kleinen Augen funkelten und die gebräunten Wangen sich dunkel röteten. Ich werde nie mehr ohne Zorn an meinen ehemaligen Freund denken, hatte er eben heftig geantwortet, und als er den Grafen wieder eintreten sah, wendete er sich sogleich an diesen und rief: Denken Sie, Herr Graf, welch ein schönes Beispiel von Vaterlandsliebe unser Herr Prediger gegeben hat! Ich machte ihm den sehr vernünftigen Plan, er solle uns als Feldprediger in diesen heiligen Kampf begleiten. So lange er die Sache für Scherz hielt, ging er darauf ein, und da er mit verstellter Ernstaftigkeit darüber sprach, so glaubte ich seinen trügerischen Worten. Denken Sie sich mein zürnendes Erstaunen; als es nun zum Aufbruch kam, und ich ihm dieses bekannt machte und ihn aufforderte, sich uns anzuschliessen, da antwortete mir der Schalk, indem er die dünnen Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzog: Sind Sie denn so töricht gewesen im Ernst zu glauben, dass ich meine Gemeinde verlassen werde? Ich war ganz erstarrt über diese Falschheit, nahm mich aber zusammen und sagte: Auch ich habe hier gleichsam eine Gemeinde, an die meine Pflicht mich bindet. Es kann sein, dass während meiner Abwesenheit Mancher meine hülfe entbehren und darunter leiden wird, diess ist ein möglicher Fall: aber mich ruft die Pflicht dahin, wo ich, wie ich gewiss kann, Hunderten, ja vielleicht Tausenden nützlich sein werde. Eben so ist es mit Ihnen. Ein bejahrter Amtsbruder, dem man nicht mehr zumuten darf, die Beschwerden eines Feldzuges zu teilen, der mag Ihre hiesigen Pflichten mit versehen; darum auf! rüsten Sie sich, und folgen Sie wie ein Mann dem Ruf der Ehre! Sind Sie denn ganz besessen von Ihrer Torheit? antwortete er mit beissiger Grobheit auf meine wohlgemeinte Rede. Könnte ich es vor meiner zahlreichen Familie verantworten, wenn ich sie wie ein Unsinniger verlassen wollte? Da der Arzt im Laufe seiner Erzählung immer heftiger wurde, so suchte der junge Torfeld ihn zu unterbrechen, der sichtlich bei der Anklage des Predigers litt, und sagte: Aber zu berücksichtigen ist es doch gewiss, wenn ein Vater für eine zahlreiche Familie zu sorgen hat.
Weil Sie in die Tochter verliebt sind, antwortete der Arzt ohne schonende Rücksicht, so wollen Sie Ihre falsche Ansicht zur allgemeinen erheben. Der junge Mann schwieg errötend, und der Arzt fuhr triumphirend fort: Was hat das Vaterland mit seiner grossen Anzahl Kinder zu schaffen, und hätten sie nicht alle nützlich beschäftigt werden können? Die erwachsenen Söhne hätten mit in's Feld rücken müssen und die jüngeren hätten mit den Töchtern Charpie bereiten können, wie ich diese heilsame Einrichtung mit meiner Braut und künftigen Schwiegermutter getroffen habe. Die stimme des Arztes wurde sanfter, als er dieser Personen gedachte, und er fuhr zwar mit Selbstgefühl, aber mit einer Art von Wehmut fort: und habe ich denn nicht grössere Opfer gebracht, als ich ihm zumutete? Ich habe eine schöne Braut verlassen, die in Schmerz bei unserer Trennung vergehen wollte, aber doch mit Stolz auf mich blickte, dass ich im stand war, das Vaterland selbst meiner Liebe vorzuziehen. Meine Verwandte und künftige Schwiegermutter weinte, dass sie im Schluchzen die Sprache verlor, und winkte mir noch tausend Grüsse vom Balkon unseres Hauses herab, so lange wir uns sehen konnten. Alle meine Studien müssen unterbleiben, ausgenommen die praktischen, die ich täglich an Verwundeten mache, die mir unter die hände kommen, und vergeblich ist meine Bibliotek in schönster Ordnung aufgestellt. Mein botanischer Garten wird in meiner Abwesenheit zu grund gehen. Den Jammer kann ich mir schon denken, denn die gute Frau, meine Base, versteht nichts davon, und der Schlossgärtner wird nachlässig werden, wenn er sich selbst überlassen bleibt. Und was wäre vergangen oder verloren, wenn der Prediger mit uns gezogen wäre, wie es seine Pflicht war? Würde er nicht